Wählen gehen!

Wählen gehen!

Schüler einer neunten Klasse sollten neulich aufschreiben, was ihnen zum Thema "Wählen gehen!" einfällt: "Man sollte nicht wählen gehen, weil die Politiker sowieso nur erzählen", schrieb einer.

Ein anderer meinte schlichtweg, "bringt nichts". Kaum einer der 28 Jugendlichen äußerte sich positiv. Schon 15-Jährige sind also entmutigt, bevor sie überhaupt das erste Mal ihr Kreuz gemacht haben. Der Wahlfrust scheint das Land im Griff zu haben.

Viele Menschen werden am Sonntag hin- und hergerissen sein, ob sie ihre Stimme abgeben sollen oder nicht. Und wenn ja, für wen? Die Qual der Wahl - der müde Wahlkampf hat diese Stimmung beflügelt. Nach vier Jahren Großer Koalition sind die Unterschiede zwischen Union und SPD weitgehend verwischt; die Spitzenkandidaten beider Seiten sitzen im Schlafwagen; und gerade die kleinen Parteien blockieren mit ihrer munteren Ausschlusspolitik jedes neue Bündnis. Von Motivation für den Bürger kann da keine Rede sein, vielmehr macht das alles eine Wahlentscheidung so schwierig. Und Schwierigkeiten geht man besser aus dem Weg.

Aber kann Nichtwählen eine Lösung sein? Nein. Gewiss, Nichtwähler haben scheinbar die besseren Argumente, sie sind selbstbewusster als die, die ihr Kreuz in der Wahlkabine machen. Nur: Die Partei der Nichtwähler ist die einzige, die alles hält, weil sie nichts verspricht, die sich nicht mühen muss, aber die zu allem eine Meinung hat. Es ist einfach, mit so einer Haltung durchs Land zu gehen. Wenn nicht gar feige. Im Übrigen: Wer nicht wählt, hält sich nicht raus. Die Stühle im Bundestag werden trotzdem besetzt, die Regierungsbank auch. Nur zählt dafür dann die Stimme anderer - und zwar doppelt.

Warum also wählen? Wegen der Parteien? Nein. Wegen der Kandidaten? Kaum. Wegen der Institution Bundestag? Schon besser. Vor allem aber dokumentiert jeder, der morgen zur Wahl geht, dass er nach vier Jahren Großer Koalition nicht wegen, sondern trotz des personellen Angebots, nicht wegen, sondern trotz der schwammigen Inhalte und des lauen Wahlkampfes seine Stimme abgibt. Das Ausmaß der Beteiligung wird zeigen, wie die Deutschen zu ihrer Demokratie stehen. Wählen zu gehen heißt somit auch, Sympathie für diesen Staat zu haben, und ein bisschen stolz zu sein auf die Freiheiten und Chancen, die einem in diesem Land nach wie vor geboten werden. Woanders - siehe Teheran - sterben Menschen für das Recht, zur Wahl gehen zu dürfen. Damit Demokratie aber lebendig bleibt, bedarf es eines Mindestmaßes an persönlicher Beteiligung.

Deshalb: Wählen gehen! Und wenn nötig: sich für das kleinste aller Übel entscheiden.

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