Warum die Kritik am Papstbesuch den Kern der Sache nicht trifft

Warum die Kritik am Papstbesuch den Kern der Sache nicht trifft

Der Papst kommt und 80 Prozent der Deutschen ist das völlig egal, sagen Umfragen. Umso erstaunlicher mutet das Riesengeschrei an, das im Vorfeld des Besuchs von den Kritikern Benedikts veranstaltet wird.


Keine Talkshow im Fernsehen ohne bekennenden Atheisten oder scharfzüngigen Papstkritiker, kein Nachrichtenmagazin Spiegel ohne Lästergeschichte über den Pontifex. Und natürlich jede Menge Ratschläge und Forderungen von allen Seiten an den Deutschen aus Rom. Was er denn bitte zu tun und worüber er zu reden habe, wozu er sich äußern müsse, was man unbedingt von ihm erwarte und was er besser mal außen vorlassen solle. Gegen die bösen Banken und Turbokapitalisten soll er schon wettern, gesellschaftliche Ungerechtigkeiten geißeln, Mindestlöhne fordern, sich mit Missbrauchsopfern treffen und Entschädigungen versprechen, mit den evangelischen Christen endlich den Durchbruch beim Thema Ökumene schaffen und noch vieles mehr. Alles in vier Tagen, versteht sich.
Nicht fehlen dürfen bei dieser Gelegenheit auch die Dauerbrenner Zölibat und Frauenpriestertum. Alles muss auf den Tisch, wenn der Papst schon mal kommt.
Und natürlich wird erbittert gestritten, ob er denn nun im Bundestag reden darf oder nicht. 100 Abgeordnete bleiben demonstrativ weg, als ob Benedikt ein zwielichtiger Tyrann aus einer fernen Bananenrepublik wäre. Demonstriert wird selbstverständlich auch. Und vermutlich - wie in Berlin vielfach üblich - nicht ausschließlich friedlich.
Warum eigentlich diese Aufregung, wenn es vier von fünf Deutschen doch ohnehin egal ist, ob Besuch aus dem Vatikan kommt oder nicht? Wahlen sind mit Papstbeschimpfung demnach nicht zu gewinnen. Vielleicht stimmt das Bibelwort ja doch, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt. In Deutschland erst recht nicht.
Vielleicht hat aber die Schärfe der Kritik auch einen ganz anderen Grund. Der Papst ist eben nicht ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, sondern Oberhaupt von über einer Milliarde Katholiken weltweit und Chef einer Institution, die zwei Jahrtausende überdauert hat. Man kann ja diese Einrichtung für überflüssig oder kritikwürdig halten, nur wegdiskutieren kann man sie nicht. Und das hat entschieden etwas damit zu tun, dass die Menschen in Zeiten permanenter Krisen zutiefst verunsichert sind, nichts so sehr suchen wie Orientierung, feste Fundamente, Dauer, Beständigkeit, Verlässlichkeit, Sinn.
All das bietet Politik längst nicht mehr, noch nicht einmal ansatzweise. Im Gegenteil, sie ist erkennbar immer weniger in der Lage, Probleme wirklich zu lösen, langfristige Perspektiven aufzuzeigen.
Kirche kann das. Weil sie eben nicht jeder Macke des Zeitgeistes hinterherrennt, ihr Fähnlein nicht permanent in den wechselnden Wind hängt und ihre Entscheidungen nicht von Meinungsumfragen abhängig macht.
Das ist ihre große Stärke, aber gleichzeitig auch eine große Gefahr, in der sie sich befindet.
Sie darf sich nicht zu weit von den Menschen entfernen, kann nicht länger auf Regeln bestehen, die die Lebenswirklichkeit völlig ausblenden. Hier warten viele, innerhalb der Kirche und solche, die auf der Suche nach Orientierung sind, auf ein klares Wort des Papstes.
Aber jenseits aller berechtigten Fragen, aller Kritik und hochgesteckter Erwartungen: Es soll ja auch noch Leute geben, die sich in erster Linie nur dar-über freuen, dass mit Benedikt XVI. nach 500 Jahren des Wartens ein Deutscher Papst ist - und dass er ab heute sein Heimatland besucht.
Die Andern müssen das eben aushalten, vier Tage sind schließlich keine Ewigkeit.

d.schwickerath@volksfreund.de