1. Meinung

Zu viele schlechte Vorbilder

Zu viele schlechte Vorbilder

Die Gesellschaft trägt Mitverantwortung für betrunkene Jugendliche

Zu viel Alkohol ist nicht gesund, schon gar nicht für Jugendliche. Das ist keine neue Erkenntnis. Es ist auch nicht neu, dass es in unserer Gesellschaft von jeher vor allem bei werdenden Männern toleriert wird, wenn sie ein erstes Mal erleben, was der Begriff Vollrausch bedeutet. Natürlich - die damit verbundenen Nachwirkungen sind heilsam, zumindest für die Mehrzahl der jungen Menschen. Warum allerdings immer mehr Jugendliche beider Geschlechter dieses erste Mal derart exzessiv zelebrieren, dass sie zur Entgiftung ins Krankenhaus müssen, ist eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Zu viel Toleranz der Eltern mag ein Grund sein. Zu viele schlechte Vorbilder sind ein weiterer. Wenn Erwachsene bei besonderen Anlässen wie Silvester, Karneval oder Festen vor allem den möglichst massenhaften Konsum von Alkohol zum unverzichtbaren Bestandteil der Feierkultur machen, ist es kein Wunder, wenn Jugendliche das kopieren. Das war schon immer so? Ja und nein. Natürlich wurde auch früher getrunken. Die Unsitte, auf jeder Party auch harte Spirituosen großzügig bereitzustellen, ist aber eine neue Tendenz. Eine Flasche Wodka in 15 Minuten. So kann das Kampftrinken lebensgefährlich werden. Das Statistische Landesamt hat mit seinen Daten zu alkoholbedingten Klinikeinweisungen sicher nur die Spitze des Eisbergs beleuchtet. Wie viele Vollräusche in den Jugendzimmern der Region ausgeschlafen werden, wird damit nicht erfasst. Dennoch zeigt es einen Zusammenhang auf: Dort, wo das Freizeitangebot für Jugendliche schlecht ist, wird der gemeinsame Alkoholkonsum zur Freizeitaktivität. Die Bushaltestelle wird zur Trinkhalle, die private Party zu einer Art Russisches Roulette: Wer schießt sich als Erster ab? Zwar hat die Eifel laut Statistik ein großes Problem. Doch auch in der dort mit Bestnote ausgezeichneten Stadt Trier geht längst nicht alles kultiviert und vernünftig zu. Auch in Trier gilt es bei vielen Feten als Ziel, möglichst nicht den Notarzt rufen zu müssen. Viel zu oft wird das nicht erreicht. So rüsten sich die Teams in den Krankenhäusern der Region also wieder für die Silvesternacht. Alkohol gepaart mit Übermut und Silvesterfeuerwerk sind eine ungute Kombination. Die Mitwirkenden der Arbeitskreise Suchtprävention, die in Stadt und Landkreisen gegen Rausch und Alkoholmissbrauch kämpfen, machen gute Arbeit. Ihr Engagement wird aber so lange ein Kampf gegen Windmühlen bleiben, solange wir Erwachsene jede Verantwortung für den Rausch unserer Kinder und Enkel abgeben.

r.neubert@volksfreund.de