1. Meinung

Forum: Beweise? Kein Problem!

Forum : Beweise? Kein Problem!

Sagen Sie mal, fragt ein Leser, statistisch betrachtet sterben doch viel mehr Deutsche an den Folgen des Rauchens und des Saufens als am Coronavirus. Warum redet keiner über so etwas?

Hmm. Mit Statistik lässt sich alles beweisen. Und das Gegenteil. Politiker, Lobbyisten, Wissenschaftler dröhnen uns Tag für Tag zu mit Zahlen und Daten und Studien und Prognosen, samt Risiken und Nebenwirkungen. Sie interpretieren und instrumentalisieren und gründeln aus dem Material heraus, was ihnen nützt und ihre Interessen befördert. Würde natürlich keiner zugeben ...

Ginge es nach der Statistik, hätte ich jetzt, am Donnerstagabend, genug Zeit, darüber zu schreiben. Hätte ich, habe ich aber nicht, weil das Nachrichtenmonster kaum zu bändigen ist und Corona-News im Minutentakt ausspuckt. Keine Zeit für sonst was ... außer ... ha, das wollte ich sowieso mal erzählen:

Der US-Schriftsteller Don Winslow, dafür bekannt, dass er den Stoff für seine Romane bestens recherchiert, hat 2017 einen Polizei-Thriller mit dem Titel Corruption veröffentlicht. Darin eine Passage, an die ich immer wieder denke, wenn irgendwer mit irgendeiner Statistik um die Ecke kommt. Die Szene mit dem idealistischen New Yorker Cop Malone und seinem korrupten Chef Sykes ist Fiktion, und doch ... so könnte es im richtigen Leben auch sein:

„Ich möchte, dass Sie rausgehen und Verhaftungen vornehmen“, sagte Sykes. „Unsere Zahlen im Bereich Crack sind zufriedenstellend, aber die Zahlen im Bereich Heroin sind suboptimal.“

Die sind verliebt in ihre Zahlen, diese Schreibtischstrategen, sagte sich Malone. Sie glauben, mit Zahlen kann man alles beweisen. Und wenn die Zahlen nicht passen, werden sie passend gemacht.

Ihr braucht Erfolgsmeldungen? Die Zahl der Gewaltverbrechen ist gesunken.

Die Mittel reichen nicht? Es gibt bald mehr Geld.

Ihr braucht Festnahmen? Dann nehmt alles fest, was euch über den Weg läuft, auch wenn es nie zum Verfahren kommt. Hauptsache, die Zahl der Festnahmen steigt.

Ihr braucht Beweise für den sinkenden Drogenkonsum? Kein Problem. Lasst eure Leute Drogen suchen, wo keine sind.

Die andere Methode, Zahlen zu schönen, besteht darin, Straftaten zu Ordnungswidrigkeiten runterzustufen. Aus „schwerem Raub“ wird „einfacher Diebstahl“, aus „Einbruchsdiebstahl“ wird „Hausfriedensbruch“, aus „Vergewaltigung“ wird „sexuelle Belästigung“. Und siehe da – die Kriminalität sinkt.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

E-Mail: forum@volksfreund.de