1. Meinung

Horoskope? Hokuspokus! Warum sich trotzdem viele dafür interessieren.

Forum : Was die Sterne nicht verraten

Ragnarök, Sintflut, Armageddon, Jüngstes Gericht, Apokalypse … allein diese Wörter, schaurig! Seit grauer Vorzeit befasst sich die Menschheit mit ihrem Ende.

Mythen, Göttersagen, Religionen, Esoterik, Hollywood-Blockbuster. Immer wieder raunen Seher und Propheten vom Untergang der Welt, immer wieder erzählen sie davon, immer wieder finden sie ein Publikum, das ihren Visionen lauscht. Faszinierender Grusel.

In einem Seuchenjahr wie 2020 steigt die Nachfrage, wie so oft in Zeiten der Verunsicherung, der Angst, der Krise: #coronageddon, #klimakatastrophe, #endoftheworld – die Hash­tags der Gegenwart.

Die Orakel-Industrie verdient prächtig an der Neugier der Leute. Dabei sollten die Leute es besser wissen. Bislang hat sich, soweit bekannt, keiner der angekündigten Weltuntergänge ereignet. Und überhaupt: Die Trefferquote der Wahrsager ist miserabel. Aktuelle Zwölf-Monats-Bilanz: Trump gewinnt die Wahl. Nein. Auf einer einsamen Insel wird ein Riesenaffe im King-Kong-Format entdeckt. Nein. Die Sieger der Olympischen Spiele in Tokio heißen ... ach nein, die Spiele sind  ausgefallen. Wenn wenigstens einer die Pandemie auf dem Zettel gehabt hätte!

Der Volksfreund hat neulich über die miese Bilanz der Schwarzmaler und Schreckensmelder berichtet („Der Weltuntergang bleibt wieder mal aus“, Ausgabe vom 11. Dezember). Leser Ullrich Papschik aus Bitburg meint: All das zeigt doch, dass die Hellseherei nichts wert ist und die täglichen Horoskope in der Zeitung nichts taugen. Stimmt, Herr Papschik! Keine Fakten, nirgends. Wer etwas über die Zukunft erfahren möchte (und wer will das nicht, schließlich verbringen wir den Rest unseres Lebens in ihr), sollte sich nicht auf Horoskope verlassen. Die sind so vage und allgemeingültig formuliert, dass sie immer passen. Mit der Karriere geht‘s bergauf, mit der Liebe bergab, vielleicht auch umgekehrt – pure Unterhaltung, Spaß, Belustigung. Und doch: Zwei Drittel der Deutschen ergötzen sich daran. Weil sie sich irgendwie in den pauschalen Profilen erkennen.

Die Psychologen haben ein Wort dafür: Barnum-Effekt, von dem Franzosen Michel Gauquelin in den Sechzigern untersucht. Er schickte 150 Menschen deren „ganz persönliches Horoskop“. Tatsächlich erhielt jeder denselben Text, zusammengesetzt von einem Computer aus Bausteinen eines Astrologie-Programms und gefüttert mit den Geburtsdaten eines Serienmörders! Mehr als 90 Prozent der Probanden sagten: Ja, das bin ich. Noch Fragen?!

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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