Forum: Nie dürft ihr so tief singen

Forum : Nie dürft ihr so tief singen

Rechts oder links. Lechts oder rinks. Wie schnell ist ein Buchstabe verdreht, verschluckt, versemmelt – und alles sieht ganz anders aus.

Leserin Petra Pauli hat dieser Tage einen witzigen Wechsstabenverbuchsler in der Zeitung entdeckt:

„Was auch immer geschieht: / Nie dürft ihr so tief singen, / von dem Kakao, durch den man euch zieht, / auch noch zu trinken.“

So stand es als Spruch des Tages im Volksfreund, meldet Frau Pauli, sie sei sofort an dem klitzekleinen Schreibfehler hängengeblieben, der aus dem originalen „sinken“ ein „singen“ machte. „Ich musste schmunzeln und fragte mich, ob dieser winzige Buchstabentausch auf den Inhalt irgendeine Auswirkung hat.“ Sie habe gegoogelt, sie habe recherchiert, sie habe gelesen, gestaunt, mehr gelesen, berichtet Frau Pauli. „Für mich steht fest, man sollte öfter hinter die Dinge schauen, auch hinter das kleine ,g‘, das eigentlich ein ,k‘ sein sollte – mich führte es zu einem bewundernswerten Menschen und genialen Autor: Erich Kästner.“

Vielen Dank, Frau Pauli, faszinierend, was ein einziger Buchstabe in Gang setzen kann. Bei mir: Kopfkino, Film ab. Die drei Tenöre schwimmsingen in einem Kakao-See, sie schmettern den Kästner-Hit „Es gibt nichts Guuutes außer: Man ­tuuut es“; plötzlich, blubb blubb, versinken DomingoPavarottiCarreras, blubb blubb, weg sind sie – und tauchen als bessere Bässe wieder auf, von Heinz Erhardts „Tauchenichts“ schwärmend, der ihnen in der Tiefe begegnet sei: „Wer wagt es, Knappersmann oder Ritt, zu schlunden in diesen Tauch?“ Oder so: „Wer wagt es, Knippersmann oder Ratt, zu schlauchen in diesen Tund?“

Feinste Wortmagie! Der Film läuft weiter. Kurz blitzt der Gedanke an die jüdischen Mystiker auf, die meinen, dass Gott selbst die Buchstaben mit ihren Zahlenwerten und ihrer Symbolik geschaffen hat – und dadurch erst die Welt. Kabbala. Oder: die Surrealisten, die Dadaisten – großartige Bachstubenverdreher. Oder, zum Speibiel, Ernst Jandl. Dessen Vierzeiler „lichtung“ hängt an der Wand meiner Kemenate, als stete Mahnung, frei zu denken, die Perspektive zu wechseln, das vermeintlich Offensichtliche zu hinterfragen: „manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern. / werch ein illtum!“

Tja, nie dürft ihr so tief singen, weder laut noch luise. Und jetzt trinke ich einen Kakao ...

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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