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Gesundheit: 90 ist eben doch nicht das neue 20!

Gesundheit : 90 ist eben doch nicht das neue 20!

Zur Berichterstattung über die Corona-Pandemie schreiben Birgit Berger und Arno Meyer, Rosi Jung, Michael Aubart, Friedhelm Enser und Anne Menzel:

Als unser Vater versuchte, einen Impftermin für sich und unsere Mutter zu machen, war er damit doch sehr überfordert. Bei der vielseitigen Datenschutzerklärung, die er sich nach Stunden ausdrucken konnte, hat er oft nur Bahnhof verstanden. Dass man per E-Mail keine Rückfragen stellen konnte, war ihm nicht ersichtlich, obwohl doch ganz klar der Name des Absenders mit „noreply“ gekennzeichnet war. Zum ersten mal in seinem Leben war er mit einem Captcha-Feld konfrontiert, damit das System sicherstellen kann, dass es sich um einen Menschen und nicht um einen Roboter handelt.

Und tatsächlich, viele der Ü90 verhalten sich am PC nicht wie ein Roboter, aber eben auch nicht, wie ein Teilnehmer der Studentenolympiade. Bei einem Captcha werden die Buchstaben so verzerrt, dass ein Computerprogramm dies nicht mehr auslesen kann. Praktisch, aber an dieser Stelle versagen auch die meisten Menschen in der Klasse Ü90. Die verschiedensten Brillen wurden ausprobiert, aber die Kombination aus Zahlen und Buchstaben war einfach nicht zu erkennen.

Was unser Vater wollte, war einfach nur ein gemeinsamer Impftermin für sich und seine fast blinde Frau (auch weit über 80). Nun kann man sich ärgern, dass greise Menschen mit so einer Prozedur konfrontiert werden und ihnen dabei technische Hürden in den Weg gestellt werden, die auch ein 30-Jähriger nicht einfach so überläuft. Wir dachten natürlich, dass unser Vater einen Fehler am PC gemacht hat, was bei dieser Prozedur ja nur allzu verständlich wäre.

Richtig ärgerlich ist aber, dass die gemeinsame Anmeldung eines sehr alten Ehepaares überhaupt nicht vorgesehen und technisch nicht möglich ist. Die schriftliche Bitte um einen gemeinsamen Impftermin wurde einfach ignoriert, und man hält stur fest an einem Verfahren, das seine Untauglichkeit schon mehrfach unter Beweis gestellt hat. So gab es zwei mühsame Anmeldeprozeduren und auch vier unterschiedliche Impftermine. Zu allen vier Terminen müssen die Fahrten von Irsch/Saar nach Trier organisiert werden, und das heißt natürlich, dass sich ein Familienmitglied für vier statt für zwei Termine Urlaub nehmen muss. Umständlicher, teurer, erniedrigender und ineffizienter kann man ein Verfahren wohl kaum machen. Es hatte Stunden gedauert, unsere Mutter zu überzeugen, doch noch einen Impftermin zu nehmen. Ihr war der ganze Aufwand, der extra für sie gemacht werden musste, unglaublich unangenehm, und es flossen sogar Tränen. Klar, wir sollten uns nicht aufregen – statt am PC hätte unser Vater die Anmeldung ja auch ganz bequem über das Smartphone machen können.

Birgit Berger, Zerf, Arno Meyer, Illingen

Wenn man sich die Werbeprospekte der Lebensmittel-Discounter anschaut, gleichen sie mittlerweile einem Baumarktprospekt. Da gibt‘s Maschinen für den Heimwerker, sogar Angelzubehör und Gartengeräte. Ich finde auch noch Bettwäsche, Kleidung und Büroartikel. Ach ja, hinten im Regal gibt‘s auch noch Milch und Butter! Ich bin dafür, dass auch die Frisöre ihr Sortiment erweitern. Vielleicht Blumenerde für den Hobbygärtner, oder darf es ein bisschen Wolle zum Stricken sein?

Im Ernst, allmählich fehlt mir das Verständnis und auch ein wenig die Akzeptanz für die Schließung des gesamten Handels. Es gab im letzten Lockdown schon sehr gute Hygienekonzepte der Betreiber großer und kleiner Geschäfte, die mittlerweile sicher nochmals optimiert wurden.

Vielleicht sollte die Landesregierung ein wenig mehr auf die Vernunft und Verantwortung ihrer Bürger vertrauen. Der größte Teil der Menschen verhält sich verantwortungsvoll und möchte sich und andere nicht gefährden. Das klappt beim Einkaufen in allen Geschäften, nicht nur in den Geschäften des angeblich täglichen Bedarfs. Wer bitte benötigt eine Angel zum täglichen Bedarf? Daher sollte im Handel der Wettbewerbsverzerrung Einhalt geboten werden und „gleiches Recht für alle“ gelten.

Rosi Jung, Trier

Zur Lösung des Problems mit dem „unbeliebten“ Astrazeneca-Impfstoff hätte ich einen Vorschlag: Wenn immer wieder davon gesprochen wird, es müsse Impf-Vorbilder geben, sollten sich doch alle Politikerinnen und Politiker (zumindest mal die des Bundestages, immerhin derzeit 709 Abgeordnete) werbewirksam mit Astrazeneca impfen lassen. Dies hätte eher eine Vorbildfunktion als immer nur die Aussage, man solle mit diesem Impfstoff doch Kranken- und Pflegepersonal, Rettungsdienste und andere impfen. Und würde vielleicht auch die Diskussionen über das „Impfen zweiter Klasse“ entschärfen.

Michael Aubart, Newel-Butzweiler

Zum Artikel „Der Mann, der durchgreift, wenn es klemmt“ über den Impfstoff-Beauftragten Christoph Krupp (TV vom 20. Februar):

Was für ein cleverer Schachzug! Im Superwahljahr kann und darf die Bundesregierung sich nicht noch mehr Pleiten, Pech und Pannen im Corona-Impfchaos leisten. Irgendwann spielt selbst der treueste Wähler nicht mehr mit. Also muss ein Bauernopfer her, das man im sicheren Fall des Scheiterns nach der Bundestagswahl mit einer satten Abfindung wieder zur Bima zurückversetzt. Clever, clever.

Friedhelm Enser, Trier

Zum Artikel „Augsburgs Bischof: Corona-Impfung war ein Fehler“ (TV vom 28. Februar):

Ja, ja, die Versuchung … Nachdem ich den Artikel über die Impfung des Augsburger Bischofs und seines Generalvikars gelesen hatte, war ich sprachlos. Was dort geschehen ist, passt zum Gesamtbild der katholischen Kirche, getreu dem Motto: Wenn sich jeder um sich selbst kümmert, ist allen geholfen. Anscheinend grassiert in der Kirche ein Virus, immer wieder irgendwie einer Versuchung zu erliegen, sei es Missbrauch von Schutzbefohlenen, mit der Maßgabe, alles schnell unter den Teppich zu kehren oder es auszusitzen. Hochwürden ist also „der Versuchung“ erlegen, oder hatte er eine Eingebung „von oben“? Sich hinterher zu entschuldigen, ist so was von dürftig und fadenscheinig. Mit bestem Wissen und Gewissen hat er sich impfen lassen, dabei gehört er nicht mal zu einer Risikogruppe. Er wollte angeblich das Beste für sein Umfeld? Nein, er wollte das Beste für sich! Wen überraschen die vermehrten Kirchenaustritte? Mich nicht.

Anne Menzel, Bernkastel-Kues