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Sprache und Medien: Abgegriffene Sprachbilder, abgenutzte Floskeln

Sprache und Medien : Abgegriffene Sprachbilder, abgenutzte Floskeln

Zu den Leserbriefen unter der Überschrift „Inkorrekt, falsch, diskriminierend, irreführend, unlogisch, unverständlich ... und mehr als überflüssig“ (TV vom 24. März) schreibt Hubert Clemens:

Dem Volksfreund gebührt großes Lob dafür, dass er auch solche Leserbriefe veröffentlicht, die sich kritisch zur Arbeit der Redaktion äußern, so zuletzt die Anmerkungen von Eleonore Roth aus Reil zur Übernahme englischer Begriffe anstelle deutscher Übersetzungen in dieser Zeitung.

Man darf hoffen, dass solche Mahnungen auch in die Ausbildung der Volontäre eingehen. Dabei sollte der journalistische Nachwuchs zugleich auch vor dem Griff in die Vorratskiste der gängigen Floskeln und abgegriffenen Metaphern gewarnt werden. Gewiss, wer sähe nicht gern in diesen Zeiten „Licht am Ende des Tunnels“ oder den „Silberstreif am Horizont“?

Gewiss, man hat Verständnis für die unter Zeitdruck arbeitende Redaktion, die sich immer wieder gern solcher Bilder und einer möglichst flotten Sprache und Schreibe bedient. Doch viele Vergleiche aus der Umgangssprache verdanken ihr Überleben nur noch der Verwendung in Zeitungsartikeln – auch in dieser Zeitung. So können wir sicher sein, dass wir es im TV lesen werden, wenn „die Quecksilbersäule“ diesen Sommer wieder auf Rekordhöhen steigt, obwohl es sie nach dem Verkaufsverbot für Quecksilberthermometer seit vielen Jahren gar nicht mehr geben dürfte.

Auch die rasanten Fortschritte der Elektro- und Informationstechnik lassen manche Sprachbilder, zu denen Zeitungsartikelschreiber gerne noch greifen, ziemlich alt aussehen.

Noch immer glotzen Fernsehzuschauer abends in die Röhre, obwohl sie doch lange schon einen röhrenlosen 110-cm-Flachbildfernseher vor Augen haben. Und wie der Schreiber dieser Zeilen nicht „zur Feder gegriffen“ hat, um diesen Leserbrief „zu Papier zu bringen“, sondern eine Tastatur bedient und auf den Monitor schaut, so liefern auch weiterhin längst ausgestorbene Techniken aus Druck und Grafik eine Fülle anschaulicher, bildhafter Begriffe, etwa die „klischeehafte“ oder „stereotype“ Darstellung, oder die „Bleiwüste“ für eine einfallslos gestaltete Zeitungsseite.

Selbst das unter Kupferstechern zu Zeiten Albrecht Dürers und Matthäus Merians beliebte „Abkupfern“ bezeichnet heute noch immer das unerlaubte Abschreiben und Kopieren, wie auch die „Holzschnittartigkeit“, benannt nach der jahrhundertealten Drucktechnik, noch lange zu Diensten der Stilkritik stehen wird.

Großes Beharrungsvermögen haben obsolete Sprachbilder vor allem im Verkehrswesen, wo schon lange keine Pferde mehr „über die Stränge schlagen“ und wo die „Trittbrettfahrer“ an Zügen und Straßenbahnen keine Chance, da keinen Halt mehr haben. Und man darf annehmen, dass selbst die Fahrer von Elektroautos auch in den nächsten Jahren beim Beschleunigen noch immer aufs Gaspedal treten werden.

Hubert Clemens, Reil