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Gesellschaft: Absurd und infantil

Gesellschaft : Absurd und infantil

Zum Artikel „Marx, Hindenburg und die anderen“ (TV vom 18. Juni) sowie weiteren Beiträgen zur Rassismus-Debatte schreiben Hans-Werner Thesen, Frank Weiland und Dankwart Mallmann:

Nach den Vorfällen in den USA erleben wir jetzt weltweit einen Aufschrei gegen Rassismus mit großen Demonstrationen, häufig auch begleitet durch Gewaltexzesse wie Plünderungen und Zerstörung von privatem und öffentlichem Eigentum. Inzwischen geht es aber nicht mehr nur um die Verurteilung rassistischer Übergriffe in den USA, sondern eine Bewegung ist in Gang gesetzt worden, die überall auf der Welt gegen Denkmäler und Straßennamen von vermeintlichen Rassisten mit Mitteln vorgeht, die rechtsstaatlichen Kriterien nicht standhalten, um das mal ganz milde zu formulieren.

Wenn man historische Ereignisse und Personen nach heutigen rechtlichen und moralischen Kriterien bewertet, kommt es zwangsläufig zu einem Kahlschlag in unseren Geschichtsbüchern und im öffentlichen Raum. Ich empfehle in dem Zusammenhang beispielsweise die späten Schriften von Martin Luther oder die Briefe von Albert Schweitzer zu lesen, oder aber die Schriften von Rudolf Steiner, dem Begründer der Waldorf-Schulen. Das ist heute nur noch mit rassistisch beziehungsweise antisemitisch zu bewerten. Ich nenne diese historischen Persönlichkeiten, um zu zeigen, wie absurd dieser Sturm auf Denkmäler und Straßennamen wäre.

Denn es gibt ja dutzende, wenn nicht hunderte solcher Persönlichkeiten der Geschichte, die heutigen moralischen Maßstäben nie und nimmer gerecht würden. Wo fängt man an, wo hört man auf? All diese Persönlichkeiten gehören eben auch zu unserer Identität und Geschichte. Das Auslöschen von Namen erinnert mich an das Kleinkind, das sich die Augen zuhält und glaubt, man sieht es nicht mehr.

Die Zerstörung, Beschädigung, das Beschmieren von Denkmälern ist zunächst einmal eine Straftat und ist als solche von Staats wegen zu verfolgen. Leider geschieht dies aber kaum. So ist es nicht verwunderlich, dass sich hinter dieser Bewegung gegen Rassismus und Antisemitismus auch diejenigen formieren, die unser Gesellschaftssystem in Gänze ablehnen und bekämpfen. Die vornehmste Aufgabe des Staates ist jedoch, seine Bürger und deren Eigentum zu schützen. Tut er das nicht, läuft er Gefahr, sein Existenzrecht zu verwirken.

Ich würde mir wünschen, dass man erstens den öffentlichen Raum vor Vandalismus schützt und zweitens jedwede Straftat auch entsprechend verfolgt und nicht klammheimlich mit solchen Tätern Sympathie hegt, weil es ja eine ach so moralisch gute und richtige Sache ist. Wenn der Rechtsstaat Schaden nimmt, sich nicht wehrt, sind auch schlimmere Dinge zu befürchten.

Hans-Werner Thesen, Kenn

Zum Artikel: „Politiker aus der Union gegen Streichung des Begriffs ,Rasse’“ (TV vom 15. Juni):

Die Grünen fordern, „Rasse“ aus dem Grundgesetz zu streichen und „Rassismus zu verlernen“. Sie glauben, „es gibt eben keine ,Rassen’“. Grüne, die vielfach nur durch Hochschulfenster die Welt betrachten konnten und glaubten, von dort ihr Verhältnis zur Welt durch das Studium von Pädagogik und Psychologie zu reparieren, die in der Echokammer des Hörsaals glänzende Theorien über die Verschwörung Andersdenkender (der Ungläubigen) entwerfen, die doch sonst ach so für Diversität sind, aber bloß nicht bei Meinungen, diese selbsternannten Weltlehrer züchtigen alle Insassen ihrer eingebildeten Anstalt, sie müssten jetzt gefälligst etwas verlernen? Rassen abzuschaffen ist wie zu beschließen, nicht mehr zu altern, das ist absurd und infantil.

Wer so etwas glaubt, hat die Biologie nicht verstanden, was Grüne ja bereits auf dem Geschlechtssektor zeigen. Ein Schwarzer, dem ich nun keine Rasse mehr zuschreibe, bleibt aber doch schwarz, und andere zum Beispiel weiß. Geschwister können völlig verschiedene Charaktere sein, Bayern sind gänzlich anders als Holsteiner und Spanier anders als Schweden. Und Europäer und Afrikaner?

Anstatt verbohrt überall Rassenhass zu wittern, sollten wir Verständnis dafür entwickeln, dass es sich hier um Angst vor Fremden handelt, die bei Mensch und Tier ein wichtiger Grundbestandteil ist. Wie diese Angst bei Rechtsradikalen (vor fremden Menschen) und bei Linksradikalen/Grünen (vor fremden Ansichten) zu überwinden wäre, das bedarf einer umfassenden gesellschaftlichen Debatte.

Abgesehen vom Unverständnis der Mechanismen der Epigenetik ist das Ansinnen, Menschen technokratisch auf Gene zu reduzieren, das absolute Ausblenden von seelischen und geistigen Ebenen. Ein Mensch entwickelt sich nicht nur aus der Bio-Materie (Gene), sondern aus allen seelischen Eigenarten, die sich den dazu passenden Körper (auch mit Behinderungen) und auch die Eltern und die Lebensumstände (wie zum Beispiel Kontinente) als Entwicklungsfeld aussuchen. Wenn mein Bewusstsein noch große Probleme mit der Ausgrenzung anderer hat, so werde ich es im neuen Leben erfahren, selbst als Ausgegrenzter zu leben.

Frank Weiland, Trier

Da werden die Lateinamerikaner und Spanier aber jetzt etwas zum Staunen bekommen, wenn sie aus deutschem Politikermund mit ernster Miene zu hören bekommen, es gebe unter Menschen überhaupt keine Rassen. Immerhin haben jene romanischen Völker bisher aus bestem Grund einen eigenen Feiertag begangen, den sie den „Dia de la Raza“, also „Tag der Rasse“ nannten. Gemeint ist dabei unzweifelhaft ihre eigene. Die werden also jetzt mal richtig große Augen machen. Sie haben schließlich über Jahre hinweg nach jetzigem hiesigen Politikerwillen immer etwas gefeiert, was es gar nicht gibt. Pfui über jene Romanen und ihre Unbildung.

Vor Jahrzehnten entdeckte man übrigens in Trier auf dem aus römischer Zeit noch stammenden Friedhof St. Matthias Gebeine, wohl aus der Römerzeit, deren Schädel nicht dreigeteilt war wie bei uns, sondern die aus vier Knochenteilen bestehen. Damals schrieb man, man habe tatsächlich eine neue Rasse entdeckt, die man den bisher bekannten nicht zuzuordnen vermochte. Alles ist jetzt falsch. Auch vorgeschichtliche Rassen wie der Neandertaler sind jetzt schlicht heimatlos geworden. Sie gibt es nicht mehr. Was mag unseren Politikern bei ihrer seit Jahren beobachteten großen Auskehr der Gleichmacherei an gedanklichen Sprüngen und Absonderlichkeiten eigentlich noch weiter einfallen?

Dankwart Mallmann, Trier