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Katholische Kirche: Absurde Abhängigkeiten

Katholische Kirche : Absurde Abhängigkeiten

Zur Berichterstattung über die katholische Kirche schreiben Hans-Werner Thesen und Jutta Lehnert:

Zum Artikel „Schmerzhafte Einschnitte – nur wo und wann?“ (TV vom 18. Dezember):

Wenn man bedenkt, welch unermesslichen Reichtum die katholische Kirche in Deutschland über die Jahrhunderte angehäuft hat, muss man schon ungläubig staunen über das Gejammere hinsichtlich ihrer angeblichen finanziellen Not. Die katholische Kirche (Bistümer und Orden) gehört zweifellos zu den reichsten Institutionen in Deutschland. Im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern dieser Erde ist die katholische Kirche über verschiedene Staatsverträge durch die vom Staat erhobene Kirchensteuer „voll versorgt“. Darüber hinaus zahlt der deutsche Staat auch noch die Gehälter der Bischöfe aus den allgemeinen Steuern und nicht aus der Kirchensteuer. Man bedenke, dass das Gehalt eines Bischofs 10 000 bis 12 000 Euro monatlich beträgt. Für mich ist das parasitär. Eine strikte Trennung von Staat und Kirche ist überfällig.

Die ekelhafte, schändliche und kriminelle Vergangenheit eines Teils des katholischen Klerus im Hinblick auf den tausendfachen Missbrauch von Kindern müsste genügend Anlass sein, alle vertraglichen und sonstigen rechtlichen Ansprüche der katholischen Kirche auf Steuern und sonstige Vergütungen zu kündigen. Es vergeht kein Tag, kein Monat und kein Jahr, in dem nicht neue Schandtaten aufgedeckt werden.

Zehn Jahre ist der Trierer Bischof Ackermann jetzt schon „Missbrauchsbeauftragter“ der katholischen Kirche. Ist der Skandal aufgearbeitet, sind die Opfer anständig entschädigt? Nein. Wenn ein Missbrauchsopfer, wie in Speyer, für tausendfach erlittene Vergewaltigungen von der katholischen Kirche mit 15 000 Euro Entschädigung abgespeist wird, ist das ein neuerlicher Höhepunkt des Skandals. Unser verehrter Bischof Ackermann sollte nach zehn Jahren Unfähigkeit, den Skandal aufzuarbeiten, die Täter zu benennen und den Gerichten zuzuführen und die Opfer angemessen zu entschädigen, die Konsequenzen ziehen und zurücktreten. Eine vollständige auch fiskalische Trennung von Staat und Kirche wäre vielleicht eine Chance, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Ohne einen solchen Schritt wird die katholische Kirche langfristig in der bekannten Form in Deutschland nicht überleben, und das wäre dann auch gut so. Eine solche Kirche braucht kein Mensch!

Hans-Werner Thesen, Kenn

Zum Artikel „Tausendfacher Missbrauch in Speyerer Kinderheim“ (TV vom 18. Dezember):

Wenn ein Fall das Systemische des kirchlichen Kindesmissbrauchs beweisen kann, dann dieser: Über Jahre wurden Kinder aus dem Kinderheim der Niederbronner Schwestern in Speyer in Sichtweite des Doms systematisch Priestern und anderen Männern zugeführt. Auch aus dem Kinderheim desselben Ordens in Oberammergau sind ähnliche Vorgänge nachgewiesen. Und das seit 2011.

Dass Frauen – in diesem Fall Nonnen – höhergestellten Männern bei ihren Gewaltexzessen dienlich sind, ist auch aus anderen Fällen bekannt.

Innerkirchlich verdeutlicht es, zu welch absurden Abhängigkeiten, Verblendungen und Handlungsmustern der im System grundgelegte Machtmissbrauch führen kann.

Frauen sind ein leicht benutzbares Puzzleteil im großen Ganzen; sie funktionieren an dem ihnen zugestandenen Platz. Wer ausbricht und das System in Frage stellt, muss mit Missachtung und Schlimmerem rechnen.

Mitmachen dient dem Selbstschutz, so einfach ist das.

Was so gut funktioniert, darf durch Aufarbeitung der Wahrheit nicht gefährdet werden; deshalb wird Aufarbeitung bisher nur simuliert. Eine Frage bleibt dennoch: Wie ist es der Kirche gelungen, sich in dieser unsäglichen Form in die demokratische Welt unseres Jahrhunderts zu retten?

Jutta Lehnert, Waldesch, Vorstandsmitglied von Missbit, Missbrauchsopfer im Bistum Trier