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Bildung: Absurder Konkurrenzdruck

Bildung : Absurder Konkurrenzdruck

Zum Leserbrief „Gefährliche Schieflage“ (TV vom 16. Januar) schreibt Jörg Wiesenfeldt:

Die Klage über den allgemeinen Verfall und den Niedergang der höheren Bildung begleitet das Abendland seit der klassischen Antike. Angesichts der deutlich höheren Lebenschancen junger Menschen mit allgemeiner Hochschulreife ist es nicht verwunderlich, dass Eltern für ihre Kinder einen Platz im Gymnasium anstreben und dafür Zeit und Geld investieren. Dies missfällt manchem Studienrat, dem viele der zahlreichen Sextaner nicht gut genug sind. Wie andere akademische Eliten konzentrieren sich die Herrschaften des Philologenverbands außerdem darauf, berufsständische Privilegien wie das im päda­gogischen Bereich überflüssige, hinsichtlich Leistungsmotivation wahrscheinlich schädliche Berufsbeamtentum zu verteidigen.

Gesellschaftlich sinnvoll wäre es, ähnlich wie in der überwiegenden Zahl zivilisierter Länder, gemeinsames Lernen aller Kinder aller Begabungen bis wenigstens zur neunten Klasse als Regelfall zu organisieren. Stattdessen führen in unserem dreigliedrigen Schulsystem toxische Schullaufbahn­entscheidungen bei neun- bis zehnjährigen Kindern zu einem absurden Konkurrenzdruck, und nicht die Faszination des Lernens, sondern Noten werden zum zentralen Inhalt der Schulen und der Elternsprechtage. Wäre es anders – und besser –, könnte ein erst mit der zehnten Klasse beginnendes echtes und elitäres Gymnasium in aller Ruhe zum Graecum führen, und die gewerblichen Ausbildungsbetriebe hätten nach weniger belasteter Grundschul- und Mittelstufenzeit mehr und besser motivierte Bewerber.

Jörg Wiesenfeldt, Trier