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Katholische Kirche: Absurder Vergleich, vehementer Widerspruch

Katholische Kirche : Absurder Vergleich, vehementer Widerspruch

Zum „Zitat des Tages“ (TV vom 8. April) schreibt Wolfram Bauer:

Eigentlich nahm ich mir vor, in Zukunft mit Leserbriefen Abstinenz zu üben. Aber wenn man auf der ersten Seite des TV in großen Buchstaben die neueste Botschaft von Kardinal Reinhard Marx liest: „Das Mittelmeer war in alten Zeiten ein Raum der Verbindungen zwischen Europa, Afrika und dem Nahen Osten. Heute scheint es vor allem ein Raum der Abschottung zu sein“, dann muss man bei solch einem absurden historischen Vergleich vehement widersprechen!

Wenn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz die Epoche des Römischen Reichs meint, dann darf man nicht das Ende der Karthager (Phönizier) ausblenden, deren Vernichtung durch die Römer total und kompromisslos war. Cato: „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.“ („Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.“)

Oder meint Erzbischof Marx die Expansionen der christlichen Venezianer und Genuesen im Mittelmeer, die einhergingen mit den Kreuzzügen gen Osten, wo übrigens ganz nebenbei Venezianer und ein Kreuzfahrerheer Konstantinopel plünderten, dessen Bevölkerung (Christen!) massakrierten und die Stadt in Brand steckten?

Oder meint der Erzbischof den europäischen Seekrieg gegen das Osmanische Reich 1521-1580, als die traditionellen Rivalen, Spanien, Venedig, Genua und der Papst sich plötzlich gemeinsam in einen nackten Existenzkampf gegen die expandierenden Osmanen entschlossen?

Oder meint er die Ära der nordafrikanischen Piraten in Algier, Tunis oder Tripolis, die vom 16. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich von der Piraterie lebten. Die Christen galten als „weißes Gold“ – an der menschlichen Beute waren die Piraten häufig mehr interessiert als an den Säcken und Fässern im Laderaum. Damit die europäischen Seemächte überhaupt Handel im Mittelmeer betreiben konnten, zahlte man regelmäßig hohe Tribute an Algier, Tripolis und Tunis. Aber auch die Malteser betrieben Piraterie im Mittelmeer, gerechtfertigt mit dem „Kampf der Kulturen“ auf dem Mittelmeer.

Noch Goethes Vater begegnete im Jahr 1740 muslimischen Sklaven in Livorno, die auf Galeeren ruderten oder für den Staat auf Baustellen, Werften oder in Steinbrüchen schuften mussten. Insofern gingen muslimische und christliche Korsaren mit größter Härte gegen die Schiffe der jeweils anderen Seite vor. So blieb das Mittelmeer über drei Jahrhunderte hinweg unsicher. Selbst Johann Wolfgang Goethe wurde von Ängsten vor den algerischen Seeräubern geplagt, als er mit einem französischen Schiff von Sizilien nach Neapel fuhr.

Entsprechend der Nachklang seiner Ängste im zweiten Teil des Faust, wo Mephistopheles spricht: „Ich müsste keine Schifffahrt kennen: / Krieg, Handel und Piraterie / Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.“

Wolfram Bauer, Nittel-Rehlingen