1. Meinung
  2. Leserbriefe

Gesellschaft: Äpfel aus Neuseeland, Papayas aus Peru

Gesellschaft : Äpfel aus Neuseeland, Papayas aus Peru

Zum Artikel „Aus für Riesenjet A 380“ (TV vom 15. Februar) schreibt Karl-Heinz Keiser:

Eine Branche, die seit Jahrzehnten jene Jahre, in denen die Zuwachsraten nur im einstelligen Bereich ausfielen, als schlecht einstufte, hat einen Dämpfer bekommen. Vielleicht ist es nur ein Fingerzeig, dass es so nicht weitergehen kann.

Alle wissen, dass ein Urlaubsflieger 4,5 Liter Kerosin pro Passagier auf 100 Kilometer verbrennt. Trotz des übergroßen Anteils an Schadstoffausstoß wird diese Branche hoch subventioniert, indem der Treibstoff jenseits der Mineralölsteuer fließt. Die Lobbyisten der Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft werden auch in Zukunft dafür sorgen, dass in dieser Branche die jährlichen Zuwachsraten hoch bleiben. Sie werden auch dafür sorgen, dass bei den großen Klimakonferenzen, so wie in der Vergangenheit in Paris, Bonn und Kattowitz, dieses Thema nicht auf den Tisch darf.

Brauchen wir Äpfel aus Neuseeland, Papayas aus Peru, Rindfleisch aus Argentinien und Rosen für den Valentinstag aus Südafrika? Darf der Flug in den Süden nicht viel mehr kosten als die Taxifahrt zum Flughafen? Wenn das alles mehr kostet, weil das Flugbenzin versteuert wird, geht die Welt nicht unter.

Von den wirklichen Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft dürfen wir nichts erwarten. Sie werden sich nach wie vor bei der Verkündung von Wachstum feiern lassen. Es wird sich erst ändern, wenn jeder, der in einen Flieger steigt, von innerem Schamgefühl überfallen wird im Bewusstsein dessen, was er damit anrichtet. Von solchen Gedanken ist die Wohlstandsgesellschaft noch weit entfernt. Sie rücken näher, wenn ein Sturm die Dächer ganzer Wohnsiedlungen mitnimmt, im engen Flusstal nur noch die Kirchtürme aus der braunen Brühe ragen, und ein paar Hundert Kilometer weiter im ausgetrockneten Flussbett tote Fische tonnenweise gen Himmel stinken.

Noch sind die Arbeitsplätze, an denen Autos, Flugzeuge, Schiffe, Maschinen, Kühlschränke, Sportstätten und so weiter entstehen, das beliebte Argument der Verantwortlichen, den wachsenden Wohlstand der Gesellschaft weit über der kommenden Klimakatastrophe einzuordnen. Was nützt das, wenn unser Planet jene Lebewesen abschüttelt, die ihn zerstören wollen.

Wir – die Wohlstandsgesellschaft der Industrieländer rund um den Globus – stehen vor einer großen Entscheidung. Sind wir bereit, die Einschränkung unseres Lebensstandards in Kauf zu nehmen, oder opfern wir den Lebensraum unserer Folgegenerationen?

Karl-Heinz Keiser, Thomm