Politik: Afrika braucht afrikanische Lösungen

Politik : Afrika braucht afrikanische Lösungen

Zur Berichterstattung über Flüchtlinge und die Seenotrettung im Mittelmeer, insbesondere zum Kommentar „Eine pragmatische Lösung“ (TV vom 15. Juli) schreibt Dr. Johannes Michael Nebe:

Ein kritischer Diskurs sollte damit beginnen, ob nicht Fluchtursachen auch fluchtverursachende Gründe haben. Also: Welche Ursachen liegen bei uns in Europa, welche in Afrika? Festgehalten werden kann, dass sich eine regelrechte „Entwicklungshilfe-Industrie“ in den letzten Jahrzehnten in Milliardenhöhe herausgebildet hat. Afrika wird als unmündiger Kontinent wahrgenommen und behandelt. Eigeninitiative und Innovationsfreudigkeit verkümmern. Es müsste deutlich gemacht werden, dass die politischen und wirtschaftlichen Eliten in Afrika vor allem Verantwortung und nicht nur Privilegien haben. Eine von vielen westlichen Geberländern zu beobachtende „Appeasement-Politik“ gegenüber Afrikas Herrschenden hat das Gefälle zwischen einer kleinen politischen und ökonomischen Elite und einer in unsäglicher Armut lebenden breiten Bevölkerung regelrecht zementiert. Insbesondere die sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit erweist sich nahezu in allen afrikanischen Staaten zunehmend mehr als gefährlicher politischer Sprengsatz, der explodiert, wenn sich die Verhältnisse nicht ändern. Wesentliche Ursachen, die den Migrationsdruck unter anderem auf Deutschland erhöhen, sind die in vielen Ländern Afrikas weithin ungelösten ethnischen Konflikte, die ein friedliches Zusammenleben nahezu unmöglich machen.

Strategien für länderspezifische eigene Entwicklungen können nur „von innen“ Erfolg versprechen. Hilfe „von außen“ kann nicht die generelle Lösung sein. Sie ist lediglich projektbezogen und zeitlich begrenzt zu geben. Dies setzt eine neue „Entwicklungs-Architektur“ nicht nur in Deutschland voraus. Mit dem Höhepunkt der „Flüchtlingskrise“ Anfang September 2015 wird seitdem immer wieder der Lösungsvorschlag unterbreitet, Flucht­ursachen mit mehr Entwicklungsgeldern zu bekämpfen.

Verschwiegen wird dabei, dass Entwicklungshilfe kaum Arbeitsplätze geschaffen hat, außer in der Entwicklungshilfe selbst. Dieses Festhalten an liebgewordenen Denkmustern hat vieles in Afrika in falsche Bahnen gelenkt. Entwicklungshilfe, die die Leistungsfähigkeit und Kreativität der Afrikaner nicht ausschöpft und ihnen dies auch nicht zumutet, verletzt ihre Würde. Damit werden die Menschen entmündigt und in einem Abhängigkeitsverhältnis belassen, aus dem man sie eigentlich herausführen wollte. Die Eliten Afrikas sind durch die jahrzehntelangen Milliarden-Transfers westlicher Staaten eher gefördert als gefordert worden, sich den eigenen Herausforderungen zu stellen.

Eine Neuausrichtung der deutschen Afrika-Politik muss zuallererst die eigene Politik reflektieren, um aus eventuellen Fehleinschätzungen zu lernen, was und warum etwas zu korrigieren ist. Afrika braucht afrikanische Lösungen!

Nur wenn diese Erkenntnis reift, können Fluchtbewegungen von Afrika nach Europa aktiv bekämpft werden, die die Menschen nicht in eine ungewisse Zukunft fliehen und auch sterben lassen. Fluchtursachen mit einer massiven Abschottungspolitik zu begegnen und Schlepperbanden ins Visier zu nehmen, können keine Lösung sein. Warum traut man sich nicht, die Schwächen der eigenen Entwicklungshilfe offen zu legen und neu zu justieren? Die Zeit ist überreif!

Dr. Johannes Michael Nebe, Vorsitzender des Vereins Bildung fördert Entwicklung e.V., Trier