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Bildung: Als sei es eine unglaubliche Utopie

Bildung : Als sei es eine unglaubliche Utopie

Zur Berichterstattung über die Corona-Pandemie und die Situation in den Schulen schreibt Susanne Mehlig:

Ich bin die Klassenlehrerin einer 5. Klasse an einem Trierer Gymnasium und hatte kürzlich eine Unterhaltung mit meinen Schülerinnen und Schülern, die ich gerne teilen möchte. Wie auch in den anderen Schulen herrscht bei uns Maskenpflicht, sobald die Kinder ihren Sitzplatz verlassen. Das bedeutet, dass sie zurzeit nicht in der großen Pause auf dem Schulhof essen können, sondern zum Beispiel nur in den extra dafür eingerichteten zehn Minuten davor. Außerdem findet die Pause für unsere Klassen 5-7 früher statt als für die restlichen Stufen, um Massenansammlungen zu vermeiden. Vor einigen Tagen kam meine Klasse jedoch nicht dazu, vor dieser Pause im Klassenraum zu frühstücken und hat dies dann, weil der Hunger einfach zu groß war, auf dem Hof getan. Beim anschließenden Gespräch haben die Kinder mir dann ihre Lage erklärt und ich habe versucht, sie zu trösten, indem ich ihnen sagte, dass sie hoffentlich bald wieder ohne Maske auf dem Schulhof essen und spielen dürfen. Plötzlich schauten mich 31 überraschte Augenpaare an: „Durfte man früher auf dem Schulhof essen? Ohne Maske!?“

Ich musste schmunzeln, wurde aber gleichzeitig auch etwas traurig, dass die Sextaner über das, was für uns bis Anfang März eigentlich immer normal gewesen war, sprachen, als sei es eine unglaubliche Utopie. Als ich den Kindern dann noch erklärte, dass normalerweise fast alle 1100 Schülerinnen und Schüler gemeinsam Pause haben und man beim Hausmeister etwas zu essen und trinken kaufen kann, kamen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mir hat diese Unterhaltung vor allem eines vor Augen geführt: Auch wenn wir alle momentan unter erschwerten Umständen unterrichten und lernen müssen, dürfen wir nicht vergessen, dass diese bereits monatelange Ausnahmesituation für unsere Schülerinnen und Schüler zum Alltag geworden ist. Wir müssen alles dafür geben, diese schwierige Zeit gemeinsam durchzustehen, so dass wir die Dinge, die wir früher als selbstverständlich betrachtet haben, zum Beispiel das banale Beißen ins Pausenbrot unter freiem Himmel, bald wieder ohne schlechtes Gewissen tun können.

Susanne Mehlig, Trier