Politik: Als wären sie unfehlbar ...

Politik : Als wären sie unfehlbar ...

Zum Artikel „Die AfD – psychologisch betrachtet“ (TV vom 3./4. August) schreibt Peter Oldfield:

Ein Psychogramm der AfD-Wähler ist sicherlich ein interessanter Ansatz, greift aber zu kurz und wirkt ein bisschen herablassend. Wir erleben nicht seit gestern in unserer Gesellschaft eine Art Kulturkampf. Die Ursache dafür liegt in dem weltweiten Umbruch, den wir durchmachen und den wir mit den Worten Globalisierung, Digitalisierung und Migration beschreiben. Diese Erscheinungen verändern das Leben der Menschen, etwa die Arbeitswelt. Der Kulturkampf entsteht, wenn die einen Globalisierung, Digitalisierung oder Migration als Bedrohung wahrnehmen und die anderen darin deutliche Vorteile sehen. Ein soziologischer Ansatz sieht Menschen, die eher sozial-konservativ oder eher sozial-liberal sind. Erstere sind bodenständig und ortsgebunden, schätzen Nachbarschaft und Zugehörigkeit und hegen eine gewisse Nostalgie für eine strukturierte Welt mit Staatsgrenzen, die ihnen Sicherheit bietet. Sie reden am liebsten mit Leuten, die sie kennen. Fremdsprachen lernen strengt sie an. Sie sollen einen erheblichen Teil der Bevölkerung ausmachen.

Auf der anderen Seite haben wir die Sozial-Liberalen, die eine mobile Minderheit darstellen. Sie erlangen nach einem Studium eine gut bezahlte Stelle und schätzen offene Grenzen, weil sie ihnen mehr Lebens- und Berufschancen ermöglichen. Sie sehen sich als „progressiv“ und „offen“. Sie finden es normal, Fremdsprachen zu beherrschen. Sie bilden eine meritokratische Elite, die unter den Entscheidungsträgern und Meinungsmachern dominiert.

Diese Polarisierung der Gesellschaft wird von den sozialen Medien, die ein jeder als sein eigenes Megafon nutzen kann, nur verstärkt. Die  Parteien, die Kirchen, die Universitäten müssten einen Beitrag zu einer offenen Debatte leisten. Stattdessen wird in den letzten Jahren ausgerechnet von Universitäten in Europa oder den USA berichtet, dass Gastredner ausgeladen oder Professoren niedergebuht werden, wenn ihre Vorträge nicht den vorgefertigten Meinungen der „offenen“ Studenten entsprechen. Dies wird von den Universitäten achselzuckend hingenommen.

Ein Mainzer Geschichtsprofessor hat der Zeitschrift „Cicero“ kürzlich von seinem Erlebnis als Gastredner auf dem Evangelischen Kirchentag berichtet (Zitat): „Ausgrenzung. Teile der Evangelischen Kirche nehmen für sich in Anspruch, das moralisch Gute zu vertreten, und zwar ohne Diskussion.“ Die eine Seite einer Debatte wird anscheinend von Menschen vertreten, die ihre persönliche moralische Sicherheit mit absoluter Sicherheit verwechseln, als wären sie unfehlbar. Liberalität, Weltoffenheit und Lust am Debattieren sehen anders aus.

Man könnte sich der These anschließen, dass neuere politische Trends eine Wiederherstellung eines früheren Gleichgewichts nach fast 30 Jahren liberalen Einflusses in Wirtschaft und Gesellschaft bedeuten und eher zeigen, dass die Demokratie funktioniert. Dann ist nicht nur die AfD, dann sind alle gesellschaftlichen Kräfte gefordert.

Peter Oldfield, Mertesdorf