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Theater: An Ironie und Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten

Theater : An Ironie und Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten

Zu den Artikeln „Die Freiheit, sich das Leben zu nehmen“ (TV vom 8. September) und „Wenn Leben unerträglich wird“ (TV vom 14. September) schreibt Wolfram Bauer:

Man ist entsetzt, auf welcher Ebene die humane Sterbehilfe durch ein Theaterstück verwässert wird, deren Zielstellung eifriges Argumentieren „und viel Spaß beim Ausloten der Möglichkeiten“, so Andreas von Studnitz, verspricht. Unsere Spaßgesellschaft, jetzt angekommen beim Thema Tod und Sterben. Wie kann man einen körperlich und geistig gesunden Menschen als Protagonisten für ein Theaterstück wählen, der seine Frau verloren hat und deshalb nicht mehr weiterleben möchte? Solch ein Vorgang ist Alltag und programmierter Bestandteil im Alter. Wie kann man nur auf die Idee kommen, dass Ärzte hier todbringende Medikamente verabreichen sollen? Dies ist völlig abwegig und widerspricht elementar dem Ethos der Ärzte, die helfen und heilen sollen.

Die Differenzierung zur „humanen Sterbehilfe“ liegt darin, dass es hier um Menschen geht, die an einer unheilbaren Krankheit leiden oder austherapiert sind. Hier hat der Arzt seine Möglichkeiten ausgeschöpft, und erst dann kommt das Selbstbestimmungsrecht auf Sterbehilfe zum Tragen. Nichts spricht dagegen, wenn ein Mensch in dieser Situation in Würde zu Hause sterben will, indem ein Arzt den Vorgang begleitet. Dies ist umso dringender geboten, da mittlerweile Natrium-Pentobarbital über das Internet zum Kauf angeboten wird. Allein die Gefahren von Missbrauch ist ein einziger Alptraum und drängt auf eine adäquate Lösung. Insofern hat ein assistierender Arzt nicht nur eine helfende Funktion, sondern er gewährleistet auch Sicherheit und Vertrauen, die in solch einer Situation oberste Priorität haben muss. Statt auf das Wesentliche bei der humanen Sterbehilfe einzugehen und einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, verlagert Schirach das Thema in das Theater und in Talkshows, wo alle reden und alles zerredet wird und nichts wachsen kann. Ein Vorgang, den mittlerweile jeder kennt. Dass man solch einem verbalen Zirkus dann noch den Titel „Gott“ verpasst, ist an Ironie und Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten. Unübersehbar der kulturelle und religiöse Verfall, nirgends die Spur von wirklichem Gottesvertrauen, und es ist kein Zufall, dass es die Europäer sind, die sich am intensivsten und am aggressivsten vor dem Tod fürchten (Kertesz, Galeerentagebuch). „Der Untergang des Abendlandes“ (Spengler), es ist die große Krisis unserer Gegenwart, wo der Vollzug voll im Gange ist.

Wie kann man mit solchen Katastrophen noch umgehen, geschweige denn sie überwinden, ohne in die Absurditäten der Existenzialisten zu verfallen? Es gibt nur eine Antwort: Niemals kann der Mensch das geistiges Zentrum im Universum sein, nur das wäre absurd und jenseits von Verstand.

Wolfram Bauer, Rehlingen-Nittel