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Digitales Lernen: Anstrengend und zeitaufwändig

Digitales Lernen : Anstrengend und zeitaufwändig

Zum Artikel „Wenn der Unterricht aus der Garage kommt“ (TV vom 24. März) schreibt Liane Deffert:

Als Kunsterzieherin habe ich mir Gedanken zum Unterricht in digitaler Form in der Sekundarstufe I gemacht.

Ich möchte erwähnen, dass „Perspektivisches Zeichnen“ ein sehr kleiner Teilbereich des Unterrichts in Bildender Kunst darstellt. Es handelt sich lediglich um ein zeichnerisch-konstruktives Verfahren zur Erzeugung von Raumtiefe im Bild, das im Sinne eines Kurses vermittelt werden kann und daher auch gut didaktisch aufbereitet in digitalen Medien vorhanden ist. Es gibt ein „richtig“ und ein „falsch“, und dies wird für geschulte Betrachter auch offensichtlich.

Und da sind wir auch schon bei einem Problem: Die Schulung des Betrachters, das Erkennen von – hier räumlichen – Zusammenhängen im Bild muss, auch wenn es für einen Außenstehenden vielleicht banal klingen mag, erlernt und eingeübt werden.

Wenn man es professionell machen möchte, heißt das: viele Einzelkorrekturen geben, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Partien der Zeichnung lenken, die unstimmig sind, und die Schüler beim Selbstlernen unterstützen. Das ist anstrengend, zeitaufwändig, kostet Nerven, braucht Geduld, eine gewisse Lockerheit durch innere Distanz und Witz.

Auf digitalem Wege geht das sicher auch, aber es ist noch ein Tick zeitaufwändiger, anstrengender, wie auch die Verwendung des „Stumm-Knopfes“ als letztem Mittel, Konzentration und Ordnung in den Ablauf zu bringen, im Artikel zeigt.

Das Medium selbst impliziert Ansprüche bei den Schülern: Der Wunsch nach sofortiger Verfügbarkeit von Zusatzinformationen, Korrekturen, Einzelbetreuung. Zunehmend mache ich die Erfahrung, dass Schüler Aufgabenstellungen gar nicht richtig lesen, sich wenig bemühen, diese zu verstehen, weil sie sich darauf verlassen, alles zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal einzeln erklärt zu bekommen. Im Unterricht im Klassenraum hingegen werden Informationen für alle gegeben, abgeklärt und gesichert, bevor es zur Bearbeitung geht. Das erzeugt Konzentration und Sicherheit für alle am Unterrichtsgeschehen Beteiligten und entlastet sie. Digital sind alle immer „dran“, kein Leerlauf zwischendurch, kein Blick aus dem Fenster, kein Blick auf die Zeichnung des Mitschülers, die einem gegebenenfalls Ideen zur Eigenkorrektur geben kann, keine Besprechung von Zwischenergebnissen, von der alle Lernenden profitieren, kein Lachen, wenn einer mal wieder Blödsinn gemacht hat.

Digitale Kommunikation ist jetzt notwendig und sinnvoll – ich freue mich aber auch wieder auf meine Klassen und Kurse im „perspektivisch exakt konstruierten, realen Raum“ in der Schule.

Liane Deffert, Kunsterzieherin, Wittlich