Architektur

Zu den Artikeln "Jeder baut, wie er will [… ]" und "Wenn plötzlich überall Toskana ist" (TV vom 2. Nov.) sowie zu den Leserbriefen "Scheußlichkeiten in Serie" (TV vom 9. Nov.):

Damit die Wiedererkennung und Einmaligkeit unserer Region nicht verloren geht, sollten Richtlinien erstellt werden. Städte und Gemeinden haben Baurichtlinien festgeschrieben, die aber kaum berücksichtigt werden, wie an dem Beispiel des hässlichen Betonklotzes auf dem alten Aldi-Grundstück in Bernkastel-Kues zu sehen ist. Meines Erachtens hat die Stadt gegen ihre eigenen Richtlinien verstoßen. Die Identität, Attraktivität und der Charme einer Region spiegeln sich unter anderem in der typischen Bauweise wider. Unsere vom Tourismus geprägte Moselregion, insbesondere Gastronomie, Weinbau und Handwerk, profitieren davon. Die zunehmende architektonische Verschandelung der Baugebiete durch einfallslose Neckermann-Einheitsbreihäuser und Schuhkartonhäuser, welche an Hässlichkeit und Sterilität nicht zu überbieten sind, sollte verhindert werden. Dabei geht es aber nicht um ein Diktat von Einheitsfarben, Ausrichtung von Erker, Balkon oder ob Schieferhaus oder Winzerhaus, sondern um die Inte gration regionaler Stilelemente, die dem Haus Charakter, Seele und Typik verleihen, wie die richtigen Schuhe einem schicken Anzug. Hier ist Kreativität gefragt, um Historik und Moderne zu verbinden. Doch stellt sich die Frage, was überhaupt typisch regional ist. Gerade an der Mosel findet man zig verschiedene Baustile - vom Bauern-Winzerhaus, Jugendstil (Traben-Trarbach) bis zu mediterranen Villen. Was soll also Beachtung finden? Verbote sind der falsche Weg, denn dieses Thema birgt sehr viel Zündstoff. Anreize müssen geschaffen werden. Meines Erachtens muss eine Arbeitsgruppe, bestehend aus (kreativen) Architekten, Bauunternehmern, Energiefachleuten, konstruktiv denkenden Vertreter der Baubehörden und interessierten Bürgern, gebildet werden, die erst mal herausfindet, was in unserer Region eigentlich als typisch betrachtet werden kann. Quasi eine architektonische Bestandsaufnahme. Dann könnten verschiedene (moderne, ökologische) Musterhäuser mit einer regionalen Identität entworfen werden. Des Weiteren muss nach EU- Bund- und/oder Länderfördermitteln gesucht werden, damit solche Häuser auch finanziell im Rahmen bleiben. Denkbar wäre auch, dass Gemeinden als Anreiz Bauherren solcher Regio-Häuser das Grundstück etwas günstiger verkaufen. Ich bin überzeugt, dass solch eine Vision realisierbar wäre, wenn sich kreative, offen denkende Leute zusammenfinden. Hans-Joachim Selzer, Bernkastel-Kues Vorweg geoutet: Ich wohne in einer dieser kritisierten "Weltreisen"-Siedlungen am Ortsrand. Vom norddeutschen Klinkerbau über das kanadische Blockbohlen-Haus bis zum Zeltdachhaus-Toskana-Zitat ist vertreten, was eine "Weltreise" im Kleinen ermöglicht. Die relativ großen, baum- und heckenbestandenen Grundstücke mildern den kritisierten architektonischen Wildwuchs. Und da das Wohngebiet etwas abseits vom Ortskern liegt, fällt der Bruch zwischen den beiden Ortsteilen nicht so auf. Anders verhält es sich in manchen anderen "Dörfern" der Region. Dort sind die Grundstücke klein, die Vielfalt-Häuser groß bis wuchtig, und sie stehen dicht an dicht. Der Bruch zwischen Tradition und "Moderne" ist wegen der oft unmittelbaren Nähe zum Ortskern schmerzhaft. "Über Geschmack lässt sich streiten", heißt es landläufig. Ja und nein. Es stimmt, Geschmacksindividualismus und vor allem Geschmacklosigkeiten bieten Streitanlässe. So gesehen ist viel Streit in der Region. Der architektonische Individualismus liegt vor allem im Streit mit zeitlos-gültigen und ästhetisch-pragmatischen Grundsätzen, wie sie der im TV genannte Vitruv aufgestellt hatte. Unsere Vorfahren bauten nach Maßgabe der vorhandenen Ressourcen und sozialen Gegebenheiten: Wo zum Beispiel Kalkstein oder Schiefer waren, wurden diese verwendet; die Familie, die Sippe, der Stamm boten Schutz, verlangten aber auch Einordnung. Gebaut wurde gruppenbezogen, Individualismus war für die Mehrheit in mittelalterlichen oder antiken Gesellschaften unbekannt, von den finanziellen Möglichkeiten für sie ganz zu schweigen. Wenn heute in Deutschland, von den bekannten Ausnahmen abgesehen, individualistisch gebaut wird, dann hat das auch seinen Grund in der spezifisch deutschen Vergangenheit: Nazis und Kommunisten verlangten - auch architektonische - Einheitlichkeit. Die Nazis betonten eine "germanisch-deutsche" Tradition. Ganze Mustersiedlungen wurden entsprechend entworfen und auch gebaut. Davon wollte man nach 1945 bewusst-unbewusst weg. Vom "germanischen" und "deutsch"-mittelalterlichen Spitzgiebeldach hin zum Flachdach-Bauhaus-Verschnitt, der heute en vogue ist, ganz im Mainstream der digitalen Funktionsdiktatur. Aber groß muss es sein und teuer, wenigstens so aussehen. Damit gibt es nun wieder eine gewisse Einordnung und Einheitlichkeit sowie die Anbindung an eine sehr frühe mediterran-altorientalische Bauform: das Rechteckhaus, gelegentlich auch der Hofhaustyp. Auch wenn mir die persönlich gefällt: Es gilt, einen Mittelweg zwischen zeitüberdauernder Tradition und zeitgebundenem Pseudo-Individualismus zu finden. Unsere Nachfahren werden es uns danken, vielleicht auch wir Individualisten uns selbst, denn: Geschmack kann sich ändern. Michael Wilmes, Ralingen-Wintersdorf