Gesundheit: Arzneimittel auf Weltreise

Gesundheit : Arzneimittel auf Weltreise

Zu den Artikeln „Apotheker schlagen Alarm: Viele Medikamente nicht lieferbar“ und „Wenn den Apothekern die Pillen ausgehen“ (TV vom 6. August) schreibt Dr. Ursula Schöffling:

Der internationale Austausch von Waren und Menschen lief lange ungebremst: immer schneller, immer mehr und immer billiger. Hat die Globalisierung ihren Zenit überschritten, indem die Vernunft ein größeres Gewicht zurückerhält?

Der Beitrag von Bernd Wientjes über die Lieferengpässe bei bestimmten Medikamenten ist gut recherchiert und schildert die angespannte Situation bei Produktionsausfällen in Asien. Seit vielen Jahren wird von pharmazeutischen und medizinischen Fachverbänden vor einem drohenden Versorgungsnotstand mit wichtigen Antibiotika oder Krebsmitteln gewarnt.

Wie kann es sein, dass schätzungsweise mehr als 80 Prozent unserer Arzneimittel und Wirkstoffe im Ausland und überwiegend in Asien produziert werden? Dort gelten zwar die gleichen Qualitätsanforderungen wie bei den hier ansässigen Unternehmen, doch eine wirksame Kontrolle der Hersteller ist viel schwieriger und in Ländern wie China und Indien nicht durchweg gesichert. Wirkstoffe mit Qualitätsmängeln können auf diese Weise in die legale Lieferkette gelangen. Bedenkliche Verunreinigungen bei Heparin-Präparaten oder beim Blutdrucksenker Valsartan erschreckten in jüngster Zeit die Patienten. So werden Wirkstoffe für Antibiotika aus Kostengründen fast ausschließlich in Indien produziert. Dafür haben sich viele Firmen im Süden Indiens angesiedelt. Pharmakonzerne stellen gern die gewinnbringenden, meist überteuerten neuen Arzneimittel für die Krebstherapie im europäischen Raum her, wenn sie noch unter Patentschutz stehen. Gleichzeitig besteht an der Produktion wichtiger etablierter Mittel, den Generika und billigen Wirkstoffen, kein Interesse. Der SPD-Gesundheitsexperte Professor Dr. Karl Lauterbach nennt das „unethisch“. Schuld an der Situation tragen auch die Krankenversicherungen mit ihrem übertriebenen Sparzwang  in Form von Rabattverträgen mit den Herstellern. Lieferengpässe umfassen mehrheitlich die Arzneimittelgruppen Antibiotika, Blutdrucksenker, Krebsmittel, Antibabypillen, Schmerzmittel und einige Impfstoffe.

Für Professor Dr. Harald Schweim, ehemaliger Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), hat der extreme Preisdruck dazu geführt, dass viele Arzneimittel eine Weltreise durchlaufen. Drei, vier, fünf Länder sind häufig involviert. Der Wirkstoff komme aus einem Land, beispielsweise aus China, die Begleitstoffe aus einem anderen, beispielsweise aus Südamerika, produziert werde in Indien, verpackt und gekennzeichnet  in einem europäischen Land. Für den Verbraucher ist diese Odyssee nicht erkennbar.

Beim Handel mit lebenswichtigen Arzneimitteln sollte nun der Gesetzgeber reagieren. Diskutiert wird beim derzeit laufenden Pharma-Dialog darüber, wie Engpässen bei unverzichtbaren Arzneimitteln vorgebeugt werden kann. Möglicherweise könnte dem Pharmahersteller eine Vorratshaltung für mindestens zwei Wochen auferlegt werden.

Dr. Ursula Schöffling, Trier