Auf dem goldenen Thron

Zum Artikel "Viele Schulabgänger sind für eine Lehre nicht zu gebrauchen" (TV vom 4. März):

Es stimmt, dass viele Jugendliche selbst mit 16 Jahren nicht ausbildungsreif sind (ich hatte mit 16 Jahren schon die erste Lehre abgeschlossen). Woran liegt das? Ich finde, dass die Wurzeln dieses Übels schon im Kleinkindalter zu finden sind.

Die Kinder werden heute oft auf einen goldenen Thron gesetzt, es darf nichts gegen ihren Willen geschehen. Und auf gar keinen Fall dürfen sie einmal ungerecht behandelt werden (was in ihrem späteren Leben oft der Fall sein wird). Sie werden rund um die Uhr bewacht und brauchen nichts mehr auszuhalten.

Ist die Pampers nass oder voll, muss sofort gewechselt werden; wird Hunger oder Durst verspürt, muss sofort getrunken oder gegessen werden. Gemeinsame Mahlzeiten können nicht mehr abgewartet werden. Selten brauchen die Kinder heute auf irgendetwas zu verzichten, es ist alles in Hülle und Fülle vorhanden. Probleme werden oft von den Eltern gelöst, anstatt die Kleinen dazu zu erziehen, sich alleine "durchzuboxen".

Größere Kinder brauchen keine Verantwortung mehr in der Familie zu tragen. Wie kann es sonst sein, dass ein Mädchen mit 16 Jahren nicht weiß, wie man mit einem Spültuch umgeht? Sie haben ausreichend Geld und können ungeniert ihren Hobbys nachgehen.

Hier könnte ich noch eine ganze Palette aufführen, will es aber dabei belassen. Meiner Meinung nach kann nicht früh genug begonnen werden, die Kinder belastbar und lebenstüchtig zu machen. Die Hauptverantwortung hierfür hat immer noch die Familie, nicht der Staat und nicht der Lehrer.

Der Schweizer Schriftsteller Emil Oesch (1894-1974) meinte: Wer die Lebenslaufbahn seiner Kinder zu verpfuschen gedenkt, der räume ihnen alle Hindernisse aus dem Weg.

Doris Giebel, Gusenburg

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