Katholische Kirche: Aufbruch, Chance – oder Desaster?

Katholische Kirche : Aufbruch, Chance – oder Desaster?

Zu den Artikeln „Mehrheit der Katholiken lehnt Trierer Bistumsreform ab“ (TV vom 4. Oktober), „400 000 Gläubige im Bistum denken über Kirchenaustritt nach“ (TV vom 5. Oktober) und „,Nicht seriös’: Bistum kritisiert Umfrage“ (TV vom 9. Oktober) schreiben Maria Rommelspacher, Gerta Bros, Dr. Rudolf Fischer, Jutta Lehnert und Michael Schlüter:

Die Initiative Kirchengemeinde vor Ort fordert das Bistum auf, die umstrittene Kirchen-Strukturreform umgehend auszusetzen. Nach Aussage einer Studie, die im Auftrag der Initiative gemacht wurde, ist ein Drittel der Katholiken im Bistum gegen die Strukturreform.

Rein rechnerisch ergibt sich daraus, dass sich zwei Drittel für die Reform aussprechen beziehungsweise sie nicht ablehnen. Fazit: eine eindeutige Mehrheit ist für die Strukturreform. Nun frage ich mich: Mit welchem Recht fordert die Gruppe unter der Leitung von Harald Gronauer, die Reform auszusetzen?

Seit Jahren fordern die Katholiken eine Veränderung, einen Aufbruch der Kirche, weil sie diese Strukturen nicht mehr als angemessen und zeitgerecht empfinden. Viele Christen sind mit der Amtskirche unzufrieden. Das zeigt sich besonders deutlich an den Kirchenbesucherzahlen und Kirchenaustritten.

Bischof Stephan Ackermann hat sich dieser Aufgabe gestellt und eine Synode einberufen. Seit 2013 haben sich viele Synodale (ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche und anderen Kreisen) beschäftigt und intensiv mit der Struktur auseinandergesetzt, haben beraten und die Ergebnisse ihrer Arbeit in einem Dokument zusammengestellt. „Synoden-Umsetzung“ bedeutet natürlich eine Veränderung, eine Umstellung der Gewohnheiten und Abläufe. Haben wir nicht genau dies gefordert?!

Ich bin froh, dass die Kirche endlich bereit ist, Strukturen zu ändern und schaue neugierig und gespannt in „die Pfarrei der Zukunft“, so wie viele (mehr als zwei Drittel) in meinem Freundeskreis. Die meisten sind bereit, einen Aufbruch zu wagen und ihre Begabungen und Fähigkeiten weiterhin in die Gemeinschaft einzubringen und damit „Kirche vor Ort“ zu leben. Es ist mir bewusst, dass dies kein einfacher Weg sein wird, es werden sicher auch Fehler gemacht. Vielleicht kommt auch eine Zeit des Zweifelns, aber als Christin vertraue ich auf das Wirken Gottes.

Maria Rommelspacher, Trier

„Alleine wäre ich nicht auf die Idee gekommen, die Zahl der Pfarreien derart zu reduzieren. Das hätte ich mich nicht getraut.“ Auf diese Aussage von Bischof Stephan Ackermann habe ich schon lange gewartet. Aus meiner Sicht wurde die Synode nur einberufen, damit man jetzt die Möglichkeit hat, das bevorstehende Desaster jemandem in die Schuhe zu schieben. Die Synode bestand aus 279 Mitgliedern, von denen 162 „Laien“ waren, deren Arbeit laut der Aussage des Bischofs nun zu dieser enormen Strukturreform geführt hat. Verglichen mit den Zahlen, die derzeit im Raum stehen, zum Beispiel 60 000 Ehrenamtliche, die bis dato viel bewegt haben und das künftig nicht mehr tun wollen, finde ich es sehr schade, dass Ihnen, sehr geehrter Herr Bischof, diese Stimmen offensichtlich nicht so wichtig sind. Eine Reform der Verwaltungsstrukturen, bei der man die Pfarreien bestehen lässt und die Gläubigen vor Ort ihren Dienst tun lässt, hätte ich verstanden. Das, was jetzt auf uns zukommt, wird vielen Menschen den Boden unter den Füßen nehmen. Wenn es also tatsächlich sein soll, dass in der katholischen Kirche mal die Meinung von Laien so wichtig gewesen sein sollte, dann hören Sie, Herr Bischof, doch jetzt auch auf die vielen Stimmen Ihrer Gläubigen, die darum bitten, diese Reform zu stoppen. Sie können natürlich auch einfach alle Kirchentüren schließen, dann müssen wir uns einfach andere Orte von Kirche suchen.

Gerta Bros, Meerfeld

Um ihrem Verkündigungsauftrag gerecht zu werden, sollte die katholische Kirche möglichst nahe bei den Menschen sein. So weit behauptet wird, die Menschen würden sich von der katholischen Kirche abwenden – die verschwindend geringe Zahl der Kirchenbesucher mache dies anschaulich –, liegt dem ein folgenschweres Missverständnis zugrunde.

Es ist nämlich so, dass sich die Kirchenführung von ihren Gläubigen verabschiedet. Die Menschen haben zwar ein Bedürfnis nach Glauben, sie fühlen sich aber von der Kirche nicht mehr berührt. Sie gibt keine Heimat mehr und ist fremd geworden.

Den aufgezeigten fatalen Weg setzt Bischof Stephan Ackermann mit seiner Strukturreform konsequent fort.

Dr. Rudolf Fischer, Trier

Es irritiert mich, dass Bischof Stephan Ackermann, der sich jahrelang für die Synode in seinem Bistum bewundern ließ, nun die Verantwortung für ihre Umsetzung von sich weist. Zum strukturellen Unfug der Vergrößerung der Gemeinden kommt eine weitere Fehlentscheidung: So werden die letzten demokratischen Bereiche der Kirche, die Jugendverbände, in ihrer Existenz bedroht – und das im Namen der Synode!

Die Bistumsleitung will den jungen, ehrenamtlichen, gewählten Leitungen die hauptberuflichen pädagogischen Referentinnen wegnehmen, die ihnen der Jugendpastoralplan bisher garantiert hat und die sie für ihre pädagogische Arbeit brauchen. Sie sollen stattdessen der zunehmenden Zentralisierung der Jugendarbeit des Bistums dienen.

Die jungen Leute wurden hintergangen, getäuscht und hingehalten und sehen sich durch die einseitige Entscheidung einem Machtapparat der bischöflichen Verwaltung ausgeliefert. Statt Gruppenleiterkurse und Fahrten zu organisieren, müssen sie sich mit uneinsichtigen Amtsvertretern herumschlagen.

Machtmissbrauch im Dienst des Machterhalts, so muss man das nennen – da sind demokratische Strukturen und kritische Jugendliche nur im Weg.

Welche Landesregierung möchte eine Jugendarbeit fördern, die zentralistisch und undemokratisch ist?

Jutta Lehnert, Waldesch

Die Berichte nehmen wiederholt einseitig Stellung nach dem Motto: Lasst uns das Bollwerk Kirche sturmreif schießen! Die lautstarken Kritiker, speziell die Initiative Kirchengemeinde vor Ort, erhalten volle Unterstützung. Doch wichtige Details fehlen, zum Beispiel wie Synode funktioniert (man kann nicht einfach staats- und demokratierechtliche Verfahren auf die Kirche übertragen), wie die konstruktiven Entscheidungen (etwa die vier Leitsätze) aussehen. Was soll man dazu sagen, wenn man weiß, wie jahrelang mit Mut und im Kraftakt um einen Weg gebetet, gerungen, gearbeitet wurde und einem die Zukunft der Kirche am Herzen liegt?

Es ist völlig abwegig und unredlich, Synode und Missbrauchsverbrechen in einen Topf zu werfen als gleichermaßen ursächlich für das Misstrauen und die Vorbehalte gegen die Kirche. Die sexuellen Missbrauchsfälle sind objektiv für jeden einsichtige schlimme Untaten, die inzwischen wie an keiner anderen Stelle sonst in unserer Gesellschaft in ihren Schadensauswirkungen „aufgearbeitet“ werden. Die Reform dagegen unterliegt subjektiver Beurteilung und wird daher teils völlig unterschiedlich gesehen: je nachdem, wer sich zu Wort meldet, wie nahe er/sie der Kirche steht, was für einen wirklichen Einsatz jemand hat, mit welchem Hauptamtlichen eine/r gerade gesprochen hat, welche Altlasten eine/r mit sich trägt, ob jemand sich selbst Gedanken gemacht hat oder nur nachplappert. In den Artikeln entsteht der falsche Eindruck: Erst duldet die Kirche sexuellen Missbrauch, und dann missachtet sie auch noch die Meinung ihrer Gläubigen. Die Straffung/Vergrößerung von Verwaltungseinheiten infolge von Mobilität, Internet und Digitalisierung ist doch ein überall zu beobachtendes Phänomen. Das Kriterium für kirchliches Handeln ist die Seelsorge, die Sorge um das Wohl der Menschen im Namen Jesu. Diese hängt ab von der Qualität und dem Einsatz des Personals und der Gläubigen, nicht von Entfernungen. Beide Seiten müssen sich bewegen.

Die Jugend lebt heute schon in ortsüberschreitenden Kontakten; die Älteren brauchen im Übergang Unterstützung, die vielerorts schon geschieht. Es ist verantwortungslos, den wünschenswerten Aufbruch der Kirche schon im Ansatz immer wieder zu boykottieren, als Abbruch hinzustellen, die vielen kleinen, guten Initiativen zu übersehen und den weiteren Weg zu erschweren. Das Hinterherjammern nach alten Zuständen, die ja mit der Grund waren und sind für die jetzige Krise, ohne den Chancen des Neuen mit Offenheit und Neugier zu begegnen, ist unsäglich und äußerst kontraproduktiv.

Positiver, verantwortungsvoller Journalismus könnte dagegen Brücken bauen, zum Aufeinanderzugehen ermutigen, Klärungen und Klarheiten schaffen, den Zusammenhalt des Ganzen im Blick behalten! Wann kapieren manche Medien(vertreter) endlich, dass das ihre eigentliche Hauptaufgabe ist?!

Michael Schlüter, Hillesheim

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