1. Meinung
  2. Leserbriefe

Aufgestaute Verärgerung

Aufgestaute Verärgerung

Zur Diskussion um Papst Benedikt und die Piusbruderschaft:

Der Papst schreibt einen offenen Brief. Er rechtfertigt sich. Man kann es auch anders ausdrücken, er gibt uns "Rechenschaft über sein Tun". Das verlangt von uns großen Respekt. Wir sind es nicht gewohnt, dass Päpste solche Briefe schreiben. Mögen also die umtriebigen Kritiker jetzt ebenso schnell ihren Respekt zum Ausdruck bringen. Das verlangt der Anstand.

Es ist nicht zu verkennen, dass der Papst die Zukunft der Kirche in unserer industriellen Welt zu pessimistisch sieht. Wir erleben in jeder Gemeinde Aufbrüche: Menschen vertiefen ihren Glauben, engagieren sich in vielen Bereichen des Gemeindelebens, ein Aufbruch der Laien, wie wir ihn vor 50 Jahren noch nicht gekannt haben. Man kann es auch einen charismatischen Aufbruch nennen. Einfach erklärt heißt das: persönliche Christusfindung, daraus folgen Engagement, Ideen, spontanes Tun im Vertrauen auf die Führung durch den göttlichen Geist.

Wie ist das Verhältnis von charismatischen Aufbrüchen und den Hütern des Amtes? Die begeisterten Aufbrüche in Korinth würgte Paulus nicht ab, er versuchte, eine gewisse Ordnung hineinzubringen. In späteren Briefen wird schon die Amtsführung sorgfältiger bedacht. Es ergibt sich daraus ein Grundsatz für alle Jahrhunderte der katholischen Kirche: stets für ein ausgewogenes Verhältnis von Charismen und Amt zu sorgen! Nehmen die Charismen überhand, droht die Gefahr des Chaos. Nimmt das Amt überhand, erstarrt vieles. Der Geist würde abgewürgt. Die Menschen suchen kirchliche Gemeinschaft, aber keine Kirche der tausend Vorschriften. Sie suchen Freiheit. Aber Freiheit verlangt Disziplinierung und Verantwortung.

Warum eine so überraschend heftige Papst-Kritik? Die aufgestaute Verärgerung hat sich Luft verschafft, weil in den notwendigen Reform-Projekten nichts Wesentliches geschieht. Haben wir vergessen, dass unser Dreifaltiger stets nach vorne treibt? Das würde uns fähiger machen, das Abenteuer der Zukunft anzunehmen. Es würde unsere Herzen öffnen für Menschen, die mit kirchlichen Vorschriften in Konflikt geraten sind.

Heinrich Deborre, Trier

katholische kirche