Aus der Mottenkiste

Zur Frage der richtigen Förderung von Familien, auf dass mehr Kindlein das Licht dieser Welt erblicken, und zwar gefälligst auf deutschem Territorium, haben viele Experten ihre Meinung gesagt. Einig sind sich die Fachleute nur in einem einzigen Punkt: dass sie sich nicht einig sind.

Tatsächlich erprobt wurde bislang nur das Geld-Modell: Kindergeld, Kinderzuschlag, Absetzbarkeit von Betreuungskosten, Elterngeld. Mitnahmeeffekte ja, Erfolg bei Null. Nun holt Manfred Thesing, Vorsitzender des Katholikenrates im Trierer Bistum und offenbar erfolgreicher Hausmann, einen Uralt-Vorschlag aus der Mottenkiste: das Erziehungsgehalt. Wurde damals nicht verworfen, verschwand einfach in der Versenkung. Vermutlich zu teuer. Nun muss ja nicht alles falsch sein, nur weil es früher bereits auf dem Tapet lag, und vielleicht muss man nur mit spitzem Bleistift nachrechnen, ob sich in diese Richtung nicht doch ein Modell verwirklichen ließe. Spätestens bei den Details muss natürlich die Frage der Erfolgskontrolle geklärt werden. Jeder Arbeitgeber behält sich das Recht vor, nicht nur den Umfang der Arbeit festzulegen, sondern auch deren Qualität zu kontrollieren und bei Minder- oder Schlechtleistung Sanktionen zu ergreifen. Im Fall eines Erziehungsgehalts kann das nicht anders sein. Eine große deutsche Wochenzeitschrift schrieb vor kurzem den etwas zynischen Satz "Die Krippe steht in der Unterschicht". Mit einer gewissen Vorfreude stelle ich mir die Damen und Herren der großen Koalition beim Brüten über diesem Thema vor. Einerseits diejenigen, die nüchtern und sachlich ein positives Ergebnis wollen. Und andererseits jene, welche die "Armen und Benachteiligten" als ihre Klientel betrachten und vor allem Geld in diese Richtung lenken wollen. Denn: Nach der Wahl ist vor der Wahl! Warum schauen wir nicht einfach in jene Länder, die die Frage der niedrigen Geburtenrate erfolgreicher bewältigen? Frankreich und Finnland haben nach meinen Informationen gute Ergebnisse mit Hilfe einer hochflexiblen Kinderbetreuung geschafft. Vielleicht müssen wir nur den Mut haben, bei denen abzukupfern, die wissen, wie es geht. Dann sparten wir uns ausnahmsweise mal die teuren deutschen Sonderwege. Wolf-Rüdiger Wulf, Trier