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Katholische Kirche: Bauernopfer statt Schuldbewusstsein

Katholische Kirche : Bauernopfer statt Schuldbewusstsein

Zur Berichterstattung über Kardinal Woelki und das Missbrauchsgutachten schreibt Marzellus Boos:

Ich stelle mir gerade vor, ein Unternehmen oder eine Organisation in Deutschland stünde im Verdacht, systematisch schwere Straftaten zu vertuschen und die Straftäter aus den eigenen Reihen vor Strafverfolgung zu schützen. Um der öffentlichen Kritik und auch dem Eingreifen der Staatsanwaltschaft vorzubeugen, beauftragt der Vorstand eben dieses Unternehmens einen Gutachter, die Ermittlungen zu führen. Wenn der Gutachter dann zu einem Ergebnis kommt, das dem Vorstand nicht passt, erklärt man das gelieferte Gutachten für „mit methodischen Mängeln behaftet“ und gibt ein neues Gutachten in Auftrag, das zu einem „angenehmeren“ Ergebnis kommt, weil es zumindest den Vorstandsvorsitzenden schont. Undenkbar? Nicht wenn man sich „Kirche“ nennt.

Der Fall Woelki zeigt in erschreckender Deutlichkeit: Da bewegt sich keine weltliche Justiz und räumt diesen moralischen Sumpf mit den Mitteln des Strafrechts auf. Da fordert kein Politiker, gegen die Parallelgesellschaften der Kleriker vorzugehen. Da geht auch niemand auf die Straße, um gegen den „Staat im Staat“ zu protestieren, der seine eigenen mittelalterlichen Rechtsgrundsätze über das staatliche Recht stellt, stellen darf. Mit ihrer „Gutachten-Strategie“ legt die Kirche stattdessen fest, wer zur Verantwortung gezogen und wie bestraft wird. Straffällige Laien werden entlassen, Priester werden bei Beibehaltung ihrer Bezüge versetzt. Personalverantwortliche Weihbischöfe im Rentenalter gehen jetzt in den „vorläufigen Ruhestand“ und der Vatikan soll „entscheiden“, wer als Erzbischof „abdankt“ – Bauernopfer statt Schuldbewusstsein und persönliche Konsequenzen.

Und ein Kirchenfürst, ein moderner Pontius Pilatus, darf nach fast 20 Jahren Missbrauchsdiskussion „Strafvereitelung im Amt“ als “Vertuschung” entkriminalisieren und immer noch mit im weinerlichen Ton Betroffenheitsfloskeln vortragen, statt seinen Kardinalshut an den Nagel zu hängen.

Was mich aber noch mehr als das empört ist, dass die Kirche auch bestimmen kann, was bestraft wird. Missbrauch ist und war immer mehr als das, was die Kirche verspricht aufzuarbeiten. Missbrauch sind und waren nicht nur die sexuellen Perversitäten der „Brüder im Nebel“. Missbrauch ist und war immer – auch strafrechtlich immer – die physische und psychische Misshandlung und die Vernachlässigung von schutzbefohlenen Kindern. Im Falle der Kinder in der Obhut von Kirchenmännern kommt dazu noch eine besonders schwer wiegende moralische Schuld: Wer die schwachen nicht schützt, begeht nach kirchlichem Selbstverständnis auch eine Sünde gegen Gott.

Als ehemaliger Schüler im Missbrauchsinternat Albertinum Gerolstein weiß ich, was alle diese Spielarten von Missbrauch, die man uns Kindern zugemutet hat, mit uns gemacht haben. Nicht nur ich warte schon mehr als 50 Jahre auf ein Wort der Entschuldigung und auf Wiedergutmachung „für durch die Kirche erlittenes Unrecht“. Das würde der katholischen Kirche besser anstehen als diese unwürdige Kölner Aufarbeitungsposse.

Marzellus Boos, Marmagen