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Beklemmendes Gefühl

Politik Hannelore Keil Bernkastel-Kues

Zur Berichterstattung über die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien:
Mit Sorge verfolge ich seit einiger Zeit die Berichte über den Konflikt zwischen Katalonien und der Zentralregierung in Madrid. Dabei geht es ja bekanntlich um den Unabhängigkeitswillen der Katalanen. Aber geht es wirklich nur darum? Hier wird von Spanien eine Machtdemonstration abgeliefert, die unangemessen erscheint. Mit einer unglaublichen Schnelligkeit wurde hier eine Drohkulisse aufgebaut bis hin zu einer juristischen Keule. In diesem Zusammenhang scheint es nur noch darum zu gehen, Emotionen anzuheizen und Meinungen einseitig darzustellen.
Die Sache, um die es geht, ist komplett in den Hintergrund getreten. Hier wird der Stolz eines ganzen Volkes mit Füßen getreten. Seine gewählten Volksvertreter sogar mit Haftbefehlen belegt.
Kann das gutgehen? Ich sage nein, es fehlt offensichtlich der Wille Spaniens zur Beilegung des Konflikts. Machtspiele, wie sie derzeit in Spanien demonstriert werden, verursachen ein beklemmendes Gefühl. Was ich als beunruhigend empfinde, ist, dass so etwas in einem freiheitlich-demokratischen Europa vor sich gehen kann. Wo bleibt die Europäische Union in diesem Konflikt? Versteht sie sich nur noch als Rahmen für ein Wettbewerbssystem, wobei jedes Ausscheren oder Anderssein als störend empfunden wird? Natürlich dürfen sich die anderen europäischen Staaten völkerrechtlich nicht ohne Weiteres in die inneren Angelegenheiten Spaniens einmischen. Aber die EU könnte ein Forum anbieten, in dem man sich in diesem Konflikt um eine friedliche und nachhaltige Lösung bemühen kann. Eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften der Europäischen Union ist nämlich, dass Konflikte in Europa - anders als vor 1945 - nicht mehr länger auf kriegerischem und demütigendem Wege gelöst werden. Genau dafür hat sie 2012 auch den Friedensnobelpreis bekommen.
Ich wünsche den Katalanen, dass sie ihre Würde bewahren können und ihre Wünsche angemessen formulieren dürfen. Denn ein Europa, das eine Einheit sein soll, braucht Menschen, die sich darin vertreten fühlen.
Es sollte uns bewusst sein, dass der Konflikt vor unserer Haustür passiert, in einem beliebten Urlaubsland. Das sollte zum Nachdenken anregen, vor allem vor dem Hintergrund, dass das Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg ebenfalls in Spanien stattfand.
Hannelore Keil
Bernkastel-Kues