Bildung

Zum Artikel "Schule stresst viele Schüler" (TV vom 22. November) diese Meinung:

Die Kindernachricht wird sicher nicht nur von Kindern gelesen. Welche Begriffe bzw. Begriffsgruppen fallen auf? "Viel Zeit", "Schulkram", "Stress", "viele Hausaufgaben", "viele Tests", "Streit" (mit den Eltern und der Eltern untereinander), "zum Sport muss", "Ernährung und Bewegung" und schließlich "als Quintessenz" "Unterricht besser gestalten". Wenn man die genannten Begriffe zusammenfasst, ergibt sich in etwa folgendes Bild: Schule wird von diesen Schülern als "Kram", also als vielleicht gar nicht so notwendiges Übel aufgefasst, das folglich als "Stress" empfunden wird. "Bestimmte eigene Einstellungen, Erwartungshaltungen und Befürchtungen können auf emotionaler Ebene Stressoren sein", so lautet eine Definition von Stress. Wer Schule als "Kram" auffasst, der wird selbstredend in ihr und durch ihre Anforderungen gestresst, umso mehr wenn zuhause Streit und zusätzlicher Betätigungsdruck ("zum Sport muss") warten, da bleibt keine "Zeit". Wozu? Zunächst für die Hausaufgaben, dann erst für anderes wie Sport, Spiel und Spannung. Eine andere Frage: Haben oder nehmen sich die Eltern Zeit für diese Kinder, deren Ernährung möglicherweise mangelhaft, deren Bewegungsdrang durch mediale, also sitzende Betätigung gebremst wird? Hausaufgaben werden bestenfalls als Nebensache, eher noch als Belastung gesehen, Tests (über deren Fachlernwert man allerdings diskutieren kann) sind folglich weitere Zusatzbelastungen. Sie dienen jedoch dazu, diesen so beschreibbaren Kindern, Jugendlichen und deren Eltern klarzumachen, dass Schule eben kein "Kram" ist. Es gibt allerdings Gruppen in "unserer" Leistungsgesellschaft - in der leben wir nun mal, mittlerweile global, seit etwa sechzig Jahren mit zunehmender Intensität -, die das ganz anders sehen. Wenn es gelingt, deren Sicht und Verhalten auf die subjektiv gestressten Kinder und deren Eltern zu übertragen, dann ist auch die Forderung nach "besserem" Unterricht erfüllt. Eine verpflichtende Ganztagsschule, deren Nachmittagsangebote neben einer qualifizierten "Hausaufgaben"-Betreuung vor allem musische Fächer und Sport vorsehen, könnte zu dem notwendigen Perspektivenwechsel erheblich beitragen. Wo der politische Wille wäre, wären auch die Gelder da. Ich arbeite seit über 30 Jahren mit Kindern und Jugendlichen; es war früher nicht alles besser, aber manches leichter: Es gab andere Schüler und Eltern und - vor allem - Lebensumstände als heute. Dem ist Rechnung zu tragen. Aber das ist nichts Neues. Michael Wilmes, Ralingen