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Soziales: Billige Arbeitsknechte?

Soziales : Billige Arbeitsknechte?

Zum Leserbrief „Warum lassen Sie Familien so hängen?“ (TV vom 23./24. Mai) schreibt Stefan Koch:

Maren Hermesdorf trifft den Nagel auf den Kopf. Die drei angesprochenen Politikerinnen (Giffey, Hubig, Spiegel) sind örtlich wie auch sachlich für die beschriebenen Missstände zuständig. Der Auftrag an die Politik ist es, für Krisen machbare Lösungen zu schaffen. Als Großvater von acht Enkeln erlebe ich diese Missstände tagein, tagaus. Die endlosen Diskussionen der Töchter/Schwiegertöchter, die als verantwortungsvolle Frauen und Mütter diesen Spagat täglich schaffen müssen. Die Unterrichtung der Schulkinder, die bis zur vierten Klasse nicht gelernt haben, digital zu arbeiten – das zu üben wurde seit zehn Jahren verschlafen. Die Bespaßung/Betreuung der Kita-Kinder kommt erschwerend hinzu. Natürlich arbeiten diese Frauen/Mütter von zu Hause mit voller Hingabe am PC. Jeder Arbeitgeber hat vollstes Verständnis für die dreifache Belastung der Mütter und zahlt ihnen für ihre Dienstleistungen die entsprechenden Frauentarife. (= 20 Prozent weniger). Sind Frauen nur billige Arbeitsknechte der Wirtschaft? Die Politik unterstützt dies mit der „guten Notbetreuung“. Hier muss man (Mutter) sich aber das Betreuungsrecht gegen starke Konkurrenz erkämpfen (Platzmangel, Personalmangel). Bei jeder Ankündigung von Lockerungen aus dem Lockdown werden von der SPD-Ministerpräsidentin Hoffnungen geweckt. Wenn dann aber die „allgöttliche Ministerialbürokratie“ diese Hoffnung mit ihrer „allmächtigen Weisheit“ überarbeitet hat, werden unverständliche, undurchführbare Durchführungsverordnungen an Schulen und Kitas verschickt. Jetzt ist der Schwarze Peter wieder bei der Kita-Leitung/Schulleitung und letztendlich bei den kleinsten Mitarbeitern, den Erziehern und Lehrern gelandet. Der Stundenausfall in Schulen ist schon vor der Corona-Krise nur durch Statistiken geschönt worden. Es fehlen im Land schlicht und ergreifend an ein- bis zweitausend Lehrer, die unterrichten und nicht nur auf dem Papier stehen (Stellenplan 107 Prozent Versorgung).

Gleiches gilt für die Kitas. Wer einen Rechtsanspruch auf sieben Stunden Betreuung in einer Kita als Gesetz beschließt, ohne dafür gesorgt zu haben, dass auch ausreichend Erzieher zur Verfügung stehen, der handelt unseriös und rechtsfehlerhaft. Jetzt, in der Krise, werden alle diese hausgemachten Fehler für jeden deutlich erkennbar und die Kinder, aber auch die Frauen und Mütter sollen oder müssen dies klaglos ertragen. Was für ein Rollenbild der Frauen, bei dieser politischen Führung. SPD-Frauen haben vor 100 Jahren für das Wahlrecht der Frauen gekämpft, und ihre Urenkelinnen verspielen dieses hart erkämpfte Recht. Zurück an den Herd?

Stefan Koch, Lieser