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Bis an die Grenzen und oft darüber hinaus

Bis an die Grenzen und oft darüber hinaus

Zum Artikel "Gesunde Pädagogen braucht das Land" (TV vom 29. November):

Es ist gut, dass dieses Thema in die Öffentlichkeit gebracht worden ist nach all der Lehrerschelte. Beamte, die mit Menschen unmittelbar zu tun haben, wie Polizisten und Lehrer, sind einer zunehmenden Belastung ausgesetzt. Diese Belastung ist die Folge veränderter Lebensweisen und Lebenseinstellungen in weiten Teilen der Gesellschaft, bewirkt durch ein Wirtschafts system, das einerseits hohe Anforderungen stellt, andererseits Ängste, Arbeitslosigkeit und zugleich oft maßlose Konsumansprüche erzeugt. Das alles vermindert zum einen den Kinderwunsch, zum anderen lässt es Eltern oft wenig Zeit und Energie für eine fördernde Erziehung. Daneben gibt es Eltern, denen der Begriff "Erziehung" fremd ist, die ihren Kindern inkonsequent, emotional negativ und diskriminierend begegnen. Dies alles soll durch die Schule aufgefangen werden. Aber der Staat samt seinen Schulen hat im Laufe der vergangenen 40 Jahre an Autorität eingebüßt. Das alles ist nicht so schnell zu ändern. Leichter zu ändern wäre aber im Schulwesen: kleinere Klassen, mehr Sozialarbeiter, mehr Lehrer und eine ergänzende psychologische Ausbildung der Lehrkräfte, ein erweiterter Zeitrahmen zum Lernen und Spielen (= Ganztagsschule), Schulgebäude, die nicht wie Lernfabriken aussehen, sondern kind- und jugendgerecht sind. Zusammenlegungen von Schularten (Realschule plus) bedeuten: alter Wein in neuen Schläuchen. Das kann man getrost vergessen.

Nicht zu vergessen ist, dass nicht nur fachlich kompetente und umfassend (!) gebildete, lebenserfahrene, sondern auch psychisch stabile Menschen den Lehrberuf anstreben sollten. Lehren heißt gelassenes, aber konsequentes Kommunizieren, das heißt in ruhig-freundlicher, aber bestimmter Art und Weise Anforderungen stellen, Regelverstöße konsequent, aber auch flexibel, persönlichkeitsgerecht ahnden (dazu gehört ein Maßnahmenkatalog, der wirksam ist) und vor allem das Bewusstsein bei der Lehrkraft, dass sie nicht mehr leisten kann als die gegenwärtigen Umstände zulassen. So kann die Lehrkraft kräftig, also gesund bleiben.

Michael Wilmes, Ralingen

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