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Landwirtschaft: Bis das Kartenhaus zusammenbricht

Landwirtschaft : Bis das Kartenhaus zusammenbricht

Zum Interview „Lebensmittel und ihr Preis: Was läuft da schief?“ (TV vom 8. März) schreibt Stefan Koch:

Prof. Dr. Xenia Matschke hat in vielen Punkten ihrer Analyse zur Landwirtschaft völlig recht. Nur die Vorschläge zur Umsetzung fehlen mir. Im Preisvergleich von Fleisch, Wurstwaren und Lebensmittel sind wir im Allzeittief. Nie waren die Lebensmittel so preiswert/billig. Die Preise wurden ab den 1970/1980er Jahren von den neu erstandenen Discountern ständig nach unten gedrückt, und die Massenproduktion sollte es auf Kosten der Bauern richten. Die Gewinnspanne der heutigen „Big Five“ (Aldi, Lidl, Rewe, Edeka, Metro), die 80 Prozent der deutschen Lebensmittel vertreiben, ist immer größer geworden.

Wie reagierten die Bauern und Winzer? Sie vergrößerten auf Anraten der staatlichen Beratungsstellen ihre Betriebsgröße, um die Mehrkosten aufzufangen. Trotzdem blieb die Einkaufstaktik der Discounter weiter hart. Der Preisdruck auf die Schlachthöfe, Molkereien und Kellereien stieg. Es handelt sich um schnell verderbliche Ware. Das Zeitfenster zum Verkauf ist klein. Kleine und mittlere Betriebe konnten oder wollten nicht mehr und gaben auf. Die Subventionspolitik förderte nur die Betriebsfläche – mit fatalen Folgen. Ställe wurden immer weiter optimiert. Mehr Vieh auf einer geringen Stallfläche. Und immer weiter wurden die Bauern getrieben, noch günstiger, noch billiger, aber auch noch besser zu produzieren, bis das Kartenhaus zusammenbricht.

Mein Vorschlag: Die gesamte Subventionssumme von Land, Bund, EU sofort stoppen und auf die Produkte umschlagen und nicht die Flächen subventionieren. Eine Umkehrung der heutigen Regel. Dafür gibt es festgesetzte Grundpreise, die direkt an Bauern und Winzer fließen. Zum Beispiel: 1 Liter Milch = 45 Cent, 1 Kilo Schweinefleisch = 3 Euro, 1 Kilo Rindfleisch = 5 Euro, 1 Ei = 30 Cent, 1 Liter Wein = 2 Euro. Gleichzeitig werden Dünge- und Gülleverordnung sofort umgesetzt, die Betriebsgrößen gedeckelt, Ställe innerhalb von fünf Jahren (bei 50 Prozent Zuschuss) tiergerecht umgebaut. Bestandsschutz 25 Jahre garantiert. Betriebsgrößen: Milchkühe nur 100 Tiere, Schweinemast nur 1000 Tiere, Hühner auf zehn Herden je 1000 Hühnern, Weinbau 20 Hektar und so weiter. Gülle, Mist darf nur auf eigenen Flächen aufgebracht werden. Kein Import von fremder Gülle. Alle größeren Betriebe erhalten ab diesen Flächen keine Subventionen. Die Kalkulation/Formel lautet: Grundpreis plus Verarbeitungskosten, plus Gewinn der „Big Five“.

Das Statistische Landesamt hat heute schon Wissen davon, wo jedes Tier, bis hin zu Maus und Floh, gefüttert wird. Weiter so. Das Kartellamt hat, durch reine staatliche Gründlichkeit, es versäumt, den Lebensmittelmarkt regional in der „sozialen Marktwirtschaft“ zu sichern. Dieses Amt sollte neu aufgestellt werden, es ist nicht reformierbar.

Wir müssen uns von der „Geiz ist Geil“-Mentalität verabschieden, denn sonst liefert China in spätestens fünf Jahren so viel billiges Fleisch, dass unsere Bauern freiwillig aufhören werden. Und den „Big Five“ ist das völlig egal, ihre Spanne stimmt immer, und wir Verbraucher müssen dann an der Supermarkttheke „unkontrollierte“ Waren kaufen.

Stefan Koch, Lieser