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Bildung: Blinder Aktionismus, falsche Entscheidungen

Bildung : Blinder Aktionismus, falsche Entscheidungen

Zu verschiedenen Berichten und Leserbriefen über das Thema Schule und Bildung schreiben Brigitte Porn, Peter Grasmück und Horst Braick:

Zum Artikel „Eltern-Kritik: Realschule plus bringt unsere Kinder nicht voran“ (TV vom 21. Januar):

Wenn der Landeselternbeirat über Realschulen plus als einem „Desaster auf allen Ebenen“ spricht, bringt er ein großes Problem kurz und knapp auf den Punkt: Die Abschaffung der Hauptschulen hebt nicht automatisch das Leistungsvermögen von deren Klientel – was heute ein Realschüler ist, war früher ein Hauptschüler, was heute ein Gymnasiast ist, war früher entweder ein Realschüler oder ist heute ein ausgebremster Gymnasiast. Um nämlich die verschobenen Leistungskriterien anzupassen, um ein möglichst positives Notenbild zu schaffen (Stichwort: Quote), sinken die Anforderungen an die jeweiligen Schulen.

Schaut man sich die neuesten Pläne der Landesregierung zur Reform der Höheren Berufsfachschulen (HBF) an, die eine Streichung des Faches Mathematik aufgrund schlechter Prüfungsleistungen vorsehen, fragt man sich, ob in Mainz nur bis zur nächsten Wahl gedacht wird oder wirklich im Sinne von Schülern entschieden wird.

Denn die schlechten Prüfungsergebnisse resultieren nicht aus schlechtem Unterricht an Berufsbildenden Schulen, sondern auf schlechten Vorbereitungen in den Mittelstufen – die HBF-Schüler von morgen sind die schlecht in Mathe ausgebildeten Schüler von heute.

Und wenn wir alle Fächer streichen, in denen Schüler schlecht sind, was bleibt uns dann noch übrig? Religion, Geschichte und Sport? Damit verliert Deutschland auf jedem Fall den Anschluss als Wirtschaftsstandort in der Welt.

Auch die Integrierten Gesamt­schulen (IGS) scheinen ein Produkt dieses blinden Aktionismus zu sein, den Stellen in der Regierung erdenken, die keinen Bezug zur schulischen Realität haben oder auch hatten.

Ein Lehrer an dieser Schulform fasste dies mit dem simplen Satz zusammen: „Wer sein Kind liebt, schickt es nicht auf eine IGS.“ Anstatt also eine unausgegorene Idee ohne Risikoabwägung nach der nächsten in Umlauf zu bringen, sollte sich das Land den gegebenen Problemen stellen: dem Ausbaden falscher Entscheidungen in der Vergangenheit; dem Lehrermangel, der keiner ist, denn es gibt unzählige Lehrer, die von Vertrag zu Vertrag geschickt werden, ohne eine Einstellung zu erhalten; oder auch der  Lehrerausbildung generell, die sich nicht genügend an den Herausforderungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts orientiert.

Brigitte Porn, Minheim

Zu den Artikeln „Gymnasiallehrer fordern: Abitur muss anspruchsvoller werden“ und „Wird das Abitur geschenkt?“ (TV vom 10. Januar) und  zu den Leserbriefen „Gefährliche Schieflage“ (TV vom 16. Januar) und „Absurder Konkurrenzdruck“ (TV vom 23. Januar):

Leicht ist es nicht, den vielen Anforderungen an Gymnasien, Integrierte Gesamtschulen und das Abitur gerecht zu werden.

Studierfähigkeit wird genauso verlangt wie die Qualifizierung für viele andere Ausbildungswege: Gute Kenntnisse in Mathematik und Technik, in Natur- und Gesellschaftswissenschaften, Sprachen und eine fundierte Allgemeinbildung, auch künstlerisches und sportliches Talent, für Schüler und Lehrer anspruchsvolle Herausforderungen.

Gymnasien mit den verschiedenen Ausprägungen, die es mittlerweile gibt, bieten den Absolventen Einstiege in die breiteste Palette an beruflichen Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten.

Dass deswegen viele Eltern für ihre Sprösslinge den höchsten Schulabschluss wünschen, ist verständlich, hat allerdings auch die bekannten negativen Begleiterscheinungen: Viele Jugendliche sind Opfer unpassender Schullaufbahnentscheidungen, in vielen Ausbildungsberufen fehlt der Nachwuchs, das Niveau der gymnasialen Ausbildung sinkt, das Abitur wird inflationär.

Es gibt Argumente für die in der Regel recht frühe Schullaufbahn­entscheidung zu den weiterführenden Schulen, aber auch dagegen.

Den Lehrern und Verbänden den Schwarzen Peter für die beschriebenen Fehlentwicklungen zuzuschieben, ist unredlich. Lehrer sind ausführende Organe, an politischen Bildungsentscheidungen nur indirekt beteiligt und sollten zur Wahrung ihrer Verantwortlichkeit und Unabhängigkeit in Entscheidungsprozessen besser Beamte bleiben.

Für Schullaufbahnentscheidungen, Lerninhalte, Unterrichtsniveau und Beurteilung muss es Standardvereinbarungen geben, die über einzelne Schulen und gymnasiale Schulformen, über Bundesländer und vielleicht sogar über einzelne EU-Staaten hinausgehen, damit das Gymnasium und das Abitur ihren Wert behalten, der diesen von den verschiedenen Seiten zugemessen wird. Das ist eine anspruchsvolle Forderung, ein Weg in diese Richtung ist durch die Kultusministerkonferenz eingeschlagen, es muss weitergehen.

In Rheinland-Pfalz dürfen/müssen die einzelnen Fachlehrer für ihre Abiturienten eigene Abituraufgaben vorschlagen, auch das hat Vor- und Nachteile.

Die anschließende schulinterne und ministerielle Prüfung der Vorschläge sollte sich jedoch stärker als bisher an den landes- und bundesweit vorgegebenen Leistungsstandards orientieren, damit mehr Vergleichbarkeit und Beurteilungsgerechtigkeit entstehen. Und das hat für alle Bundesländer zu gelten, nicht nur formal!

Was in der Diskussion zu wenig berücksichtigt wird, ist, dass die Abiturnoten zu einem nicht unerheblichen Teil durch die Leistungen der gesamten Oberstufe mitbestimmt werden. Deshalb gehört auch das Anforderungs- und Benotungsniveau einzelner Schulen, Fächer und Lehrer im laufenden Unterricht in den Fokus.

Es kommt auf gute Lehrer an, die guten Unterricht bieten, ein angemessenes Niveau einhalten und gerecht benoten.

Für den Ausbildungserfolg und die Studierfähigkeit zählen weniger die Noten, weniger angepauktes Wissen als die Fähigkeit zu Flexibilität und kreativer Problemlösung, Fleiß und Leistungsbereitschaft. Gerade diese Qualitäten werden in den Noten meist zu wenig abgebildet.

Peter Grasmück, Taben-Rodt

Zum LeserbriefAbsurder Konkurrenzdruck“ (TV vom 23. Januar):

Jörg Wiesenfeldt hat recht, indem er die zementierten Strukturen unseres Schulsystems infrage stellt. Als Vater von drei Kindern, die alle das gesamte Bildungssystem durchlaufen haben, kann ich nur sagen: Es ist dringend ein Umdenken erforderlich, eine radikale Bildungsreform nötig – die hilft, den Anforderungen der Gesellschaft, der Wirtschaft und vor allem den betroffenen Kindern, Heranwachsenden und Eltern gerecht zu werden.

Vorschlag: Kita bis drei Jahre, Kindergarten bis sechs Jahre, Volks- oder Grundschule ab  sechs Jahren. Abschluss: Jeder muss lesen, schreiben und rechnen können.  Mittelstufe zwölf bis 15 Jahre. Leistungsstufen, Abschluss: Fähigkeit zu einer Berufsausbildung. Berufsausbildung für alle, ob Mädchen oder Junge. Abschluss: Berufsausbildung. Dies würde dem großen Fachkräftebedarf der Unternehmen und Betriebe gerecht werden. Wer studieren will und kann, muss dies durch ein Vorsemester nachweisen. Abschluss: Studierfähigkeit. Dies würde die Zahl der Studienabbrecher stark verringern und die Hochschulen entlasten.

Diese Gliederung würde Deutschland wieder nach vorne bringen.Wir hätten wieder mehr gut ausgebildete Indianer und auch Häuptlinge, die unser Land voranbringen, und ein leistungsgerechtes Ausbildungssystem. Darüber sollten die Bildungsexperten mal stark nachdenken und sich nicht im jetzigen System festbeißen.

Horst Braick, Kinderbeuern