Börsenwahn und Sparwut

Zum Artikel "Der Winter holt den Bahnchef ein" (TV vom 11. Januar):

In der Sondersitzung im Verkehrsministerium musste sich Bahnchef Grube zu den Winterproblemen im Zugverkehr äußern. Dazu möchte ich als ehemaliger Mitarbeiter der DB-AG Folgendes sagen:

Diese Sondersitzung war eine Farce. Auf jede Anschuldigung fand Herr Grube eine Ausrede, auch wenn er gewisse Fehler eingestand. Er gab auch keine Garantie, dass sich diese Vorfälle im nächsten Winter nicht wiederholen.

Er konnte sie allerdings auch nicht geben, weil hier viele Faktoren eine große Rolle spielen. Die Fehler durch den Börsenwahnsinn des ehemaligen Bahnchefs Hartmut Mehdorn kann man nicht von heute auf morgen beseitigen. So lange der Bund als Eigentümer der Bahn auf die angeblich 500 Millionen Euro Gewinnabgabe durch die Bahn AG jährlich besteht - die Verkehrsminister der Länder sind sich ja nicht mal einig, diese Abgabe zu streichen -, wird sich nichts ändern.

Schon bei der Privatisierung der Bahn 1994 fing das Dilemma an. Aufgrund der Ausschreibung im Nahverkehr der Länder hatte die Bahn derart an der Kostenschraube gedreht, auch Regio-Südwest, dass die heutigen Probleme vorauszusehen waren. Hier wurden Ersatzfahrzeuge ersatzlos gestrichen. Bei den Fristen der Loks wurden die Laufkilometer teilweise verdoppelt, was viele Fahrzeuge gar nicht schafften und mit erheblichen Schäden schon vorher in die Werkstatt mussten. Die erforderlichen Investitionen in Fahrzeuge, Personal und Infrastruktur wurden zurückgestellt oder nicht getätigt. Jedes Jahr gab es neue Personalberechnungen in allen Bereichen, um die Produktivität der Mitarbeiter zu erhöhen. Bei Streckenausschreibungen wurde gespart, um gegenüber dem privaten Anbieter annähernd eine Chance zu haben, eine Ausschreibung zu gewinnen.

Solange all diese negativen Zielsetzungen sowohl im Fern- wie auch Nahverkehr nicht abgestellt werden, wird es bei der Bahn immer einen Chaos-Winter geben.

Marcel Schanen, Gusterath

Verkehr