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Gesellschaft: Böses Erwachen

Gesellschaft : Böses Erwachen

Zur Berichterstattung über die Corona-Krise schreibt Rainer Weinand:

Eine nie gekannte Welle von Beschäftigten ist wegen der Pandemie in Kurzarbeit geschickt worden. Unsere Politiker rühmen sich, durch verschiedene Maßnahmen (längere Bezugszeit und gestaffelte höhere Erstattungen beim Kurzarbeitergeld) die Einschnitte für die Arbeitnehmer erträglich zu gestalten. Leider muss ich feststellen, dass den Menschen – wie so oft – ein nicht unerheblicher Teil der Wahrheit verschwiegen wird.

Nach meinen Recherchen ist es nämlich so, dass viele Kurzarbeiter im nächsten Jahr mit einer Steuernachforderung des Finanzamtes zu rechnen haben! Zu „verdanken“ haben wir dies dem Umstand, dass das Kurzarbeitergeld als „Lohnersatzleistung“ dem Progressionsvorbehalt unterliegt. Dieser typisch deutsche Fachbegriff bedeutet, dass das Kurzarbeitergeld auf den Bruttolohn aufaddiert wird und von der nun entstandenen Summe die Steuerlast berechnet wird. Da der Steuersatz progressiv ansteigt, führt das zu einer höheren Besteuerung des vom Arbeitgeber gezahlten Lohns. Selbstverständlich sagen unsere Politiker, das Kurzarbeitergeld sei steuerfrei. Das stimmt an sich auch. Trotzdem wird es auf folgendes Szenario hinauslaufen: Hat ein Beschäftigter ein zu versteuerndes Einkommen von 36 000 Euro im Jahr, zahlt er einen Steuersatz von circa 20 Prozent. Ist er nun ein halbes Jahr zu 50 Prozent in Kurzarbeit, verliert er monatlich etwa 20 Prozent seines bisherigen Nettogehalts, also etwa 400 Euro monatlich. Gleichzeitig erhält er insgesamt bis zum Jahresende ungefähr 3500 Euro Kurzarbeitergeld vom Staat. Dadurch, dass sich das Gehalt halbiert hat, wurde auch nur für die Hälfte des normalen Einkommens Steuern gezahlt – durch die Progression bei der Einkommenssteuer belief der Steuersatz sich auf etwa zehn Prozent. Nun wird das Kurzarbeitergeld zum Verdienst „virtuell“ hinzugerechnet – und schwupps erhöht sich der vom Arbeitnehmer zu entrichtende Steuersatz auf gut 17 Prozent. Und genau das führt dazu, dass der Betreffende die Differenz von gut sieben Prozent auf den während der Kurzarbeit gezahlten Lohn im nächsten Jahr nachzahlen muss. All diese Zahlen sind nicht auf drei Stellen hinterm Komma genau berechnet, verdeutlichen aber den grundlegenden Sachverhalt ziemlich exakt. Ich bin vor ein paar Tagen rein zufällig über diese Information gestolpert, mir war dies bis dahin auch nicht bewusst. Die Richtigkeit meiner Recherchen hat mir das Bundesfinanzministerium schriftlich bestätigt. Wer glaubt, sich der Geschichte entziehen zu können, indem er (oder sie) einfach keine Steuererklärung abgibt, kennt den Fiskus schlecht. Die Zahlung von Lohnersatzleistungen führt nämlich dazu, dass der Arbeitnehmer zur Abgabe einer Steuererklärung verpflichtet ist. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Schlimm genug für alle, die wegen der Pandemie in Kurzarbeit gehen mussten und noch müssen; das Einkommen fällt deutlich niedriger aus, die Kosten bleiben jedoch in aller Regel gleich. Viel schlimmer finde ich, dass unsere Politiker den Menschen nicht von Anfang an reinen Wein einschenken. Leider wird es für viele Betroffene ein böses Erwachen bei der Steuererklärung geben; den Menschen diese Belastung zu ersparen, wäre eine Aufgabe, die die Politik dringend lösen müsste.

Rainer Weinand, Maring-Noviand