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Leserbriefe: Bürgerfreundlich? Von wegen!

Leserbriefe : Bürgerfreundlich? Von wegen!

Zum Artikel „Bürger sollen das Finanzamt verstehen“ (TV vom 23. Mai) schreibt Eckhard Otto:

Schon jahrelang bemühen sich die Finanzbehörden des Landes, jedoch mehr oder weniger erfolglos, dem Steuerzahler verständliche Formulare und Bescheide zu präsentieren. Von einer bürgerfreundlichen Sprache kann bei vernünftiger Einschätzung keine Rede sein. Eine Sprecherin des Finanzministeriums rühmt, die rheinland-pfälzischen Finanzämter gehörten bereits heute zu den servicefreundlichsten in Deutschland.

Dem war wohl in Trier so. Vor wenigen Tagen suchte ich vormittags das Finanzamt Trier auf, um meine Steuererklärung persönlich abzugeben. Von einer elektronischen Übersendung hatte ich aus besonderen Gründen abgesehen.

Dort angekommen, stellte ich fest, dass gleich drei Hinweisschilder auf den Briefkasten zum Eingang des Service-Centers mit der sinngemäßen Aufschrift zeigten, die Steuererklärung ohne Aufsuchen des Service-Centers dort reinzuwerfen, weil im Service-Center ohnehin keine Kontrolle des Vorgangs, keine Sachbearbeitung, keine Beantwortung von möglichen Fragen durch den Steuerpflichtigen erfolgen würde.

Trotz des eindeutigen Appells zog ich mir aus dem Automaten eine Wartenummer. Im Vorraum saßen ein paar ältere Menschen, welche sich augenscheinlich allesamt im Rentenalter befanden. Überrascht war ich über die Schnelligkeit der Abfertigung der Steuerkunden vor mir. Lange Wartezeiten? Fehlanzeige. Es ging quasi im Fünf-Minuten-Takt. Eine freundliche Mitarbeiterin nahm meine Steuererklärung entgegen. Eine Kontrolle auf Vollständigkeit, geschweige Richtigkeit fand nicht statt. Fragen zu speziellen Punkten durften nicht beantwortet werden. Das erzeugte bei mir Unverständnis.

Vor wenigen Jahren hatte ich positive Erfahrungen mit dem Service-Center machen dürfen. Personell war das Center mit acht kompetenten Finanzbeamten ausgestattet, die gleichzeitig mit der Vorgangsbearbeitung beauftragt waren. Das heutige Service-Center ist auf zwei Mitarbeiter geschrumpft, ohne Fallbearbeitungsbefugnis. Insider erklärten mir, dass engagierte Finanzleute kündigen, weil sie anderweitig lukrativere Angebote erhielten.

Ich kann mir beim nächsten Mal selbst helfen, indem ich über ein bewährtes Steuerbearbeitungsprogramm die Erklärung elektronisch abgeben werde. Nur, was machen alleinstehende, im Rentenalter befindliche steuerpflichtige Menschen, die mit elektronischer Fallbearbeitung gänzlich überfordert sind? Wer kümmert sich?

Unser Land verkümmert immer mehr zur Service-Wüste. Schade drum. Praktizierte Bürgernähe ist anders, nämlich dem Bürger mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Eckhard Otto, Daufenbach