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leserbriefe
... dann rufen die Kapitalisten nach dem Sozialismus

Zur Meldung „Finanzkollaps mit Folgen bis heute“ und zum Kommentar „Warum die Bankenkrise noch nicht Geschichte ist“ (TV vom 15./16. September) schreiben Jürgen Teusch und Waltraud Jammers:

Die Bankenkrise von 2008 hat den deutschen Steuerzahler vermutlich bis jetzt fast 60 Milliarden Euro gekostet (so die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen). Man sollte sich als Bürger, Wähler und Steuerzahler mal Gedanken darüber machen, was denn so in den letzten zehn Jahren passiert ist. Was hat sich wie entwickelt? Zum Beispiel der Niedriglohnsektor, mittlerweile der größte in Europa. Gibt es mehr oder weniger Leiharbeiter? In den letzten Jahren ein Plus von 43 Prozent.

Wie sieht es aus mit der Gefahr von Kinder- beziehungsweise  Altersarmut? Wie hat sich das Kapital überhaupt verteilt, ist die Anzahl von Millionären gestiegen? Wohin entwickelt sich das Rentenniveau – etwa nach oben? Wie wirkt sich die Niedrigzinspolitik, die von der EZB vorgegeben wird, damit sich die Staaten schneller entschulden können, auf die Sparer aus – die Zinserträge liegen doch eher bei null, auf dem Sparbuch gibt es sagenhafte 0,01 Prozent  Zinsen. Was passiert mit den Anlagen für die Altersvorsorge, und so weiter, und so weiter? Nun brummt die Wirtschaft dauerhaft, die Steuereinnahmen steigen von Jahr zu Jahr auf Rekordniveau – was macht die Politik? Seit Jahren wird angekündigt,  der kalten Progression entgegenzuwirken. Wann wird endlich der Soli abgeschafft – längst überfällig. Für die Erwerbstätigen (die den Staat mitfinanzieren) könnte man doch mal die Pendler-Pauschale erhöhen oder zum Beispiel den Arbeitnehmer-Pauschbetrag. 19 Prozent Mehrwertsteuer – muss das wirklich so hoch sein?

Anscheinend bleibt es bei den geplanten Entlastungen immer nur bei Ankündigungen (kurz vor Wahlen). Experten behaupten, die nächsten Bankenkrisen stehen vor der Tür. Dann rufen die größten Kapitalisten nach dem Sozialismus, um sich retten zu lassen.

Nur, wer zahlt dann? Wer Gewinne ausschließlich privat behandelt, muss auch so mit seinen Verlusten umgehen und dann nicht nach dem Staat (gleich Steuerzahler) rufen. Die Deutsche Bank hat in den letzten Jahren über 20 Milliarden Euro an Strafen gezahlt. Wenn das so ist, muss man sich mal fragen, ob da neben Bankern auch gut bezahlte Gesetzesbrecher arbeiten!

Jürgen Teusch, Wittlich

Der Leitartikel von Stefan Vetter  war überfällig und jetzt wirklich eine Notwendigkeit. Er stellt kurz und übersichtlich fest, warum es fast nicht möglich ist, für die Mehrheit der Bürger eine private Altersvorsorge zu treffen! „Seriöse“ Kapitalanlagen sind nicht mehr seriös, weil sie nichts mehr abwerfen. Sie wurden aber mit Gewinn von „seriösen“ Bankberatern verkauft. Wer ein mittleres oder kleines Einkommen hat, kann keine Rente mehr erwarten, die sein Leben im Alter sichert. Ich spreche für Menschen, für die ich mich verantwortlich fühle und deren Leben ich lange begleite. Die Ersparnisse, die man für sie vorgesehen hat, lösen sich also in Luft auf.

Die politischen Konsequenzen hat Herr Vetter sehr klar und deutlich formuliert, und dafür kann man dankbar sein. Es gibt ein Versprechen der Politik, die Banken stärker zu kontrollieren! Wer kontrolliert wirklich die Briefkastenfirmen innerhalb Europas? Die Hedgefonds? Die Private-Equity-Gesellschaften? Dort landen dann die Gelder, die wir für die soziale Absicherung vorgesehen hatten. Wen wundert Politikverdrossenheit?

Waltraud Jammers, Trier