Das andere Geschlecht

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Christel-Maria Ludwig aus Schönecken schreibt zum Thema "Frauenquote": In der Ausgabe vom 1. Februar ist auf Seite eins und Seite drei des Volksfreunds von Ministerinnen, Entscheidungsträgerinnen und Studentinnen die Rede. Warum kann man nicht auf Seite acht die neuen Pflegekräfte "Absolventinnen" nennen - alle 22 Neu-Examinierten sind Frauen. Warum tut man sich so schwer mit der Berufsbezeichnung? "Schwester" oder "Krankenschwester" scheint tabu zu sein. Es war mal Gesetz, dass nur Examinierte sich Krankenschwester nennen durften.

Liebe Frau Ludwig,

vielen Dank für Ihre Zuschrift.

Sie sprechen zwei Aspekte an, die irgendwie mit diesem, ähh, Gender-Dingsbums zu tun haben. Es geht um die Gleichberechtigung in der Sprache und im richtigen Leben. So weit, so gut, so wichtig. Früher wusste jeder: Männer sind anders. Frauen auch. Heute heißt es, politisch korrekt: Alle sind gleich. Im Neusprech nennt sich das "Gender Mainstreaming".

Was damit gemeint ist, definiert das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend so: "Gender Mainstreaming ist eine Strategie, um durchgängig sicherzustellen, dass Gleichstellung als Staatsaufgabe (Art. 3 Abs. 2 GG) insbesondere von allen Akteurinnen und Akteuren der öffentlichen Verwaltung verwirklicht wird. Mit Gender Mainstreaming wird im international anerkannten Sprachgebrauch die Optimierung des Verwaltungshandelns im Hinblick auf die systematische Beachtung der Lebenswirklichkeiten von Männern und von Frauen bei der Planung, Durchführung und Bewertung des eigenen Handelns bezeichnet. Wesentlich ist also die geschlechterdifferenzierte Folgenabschätzung." Alles klar?

Geschlechtergerechte Sprache: Vor etwa drei Jahrzehnten veränderte sich der angeblich von Machos geprägte deutsche Wortschatz. Aus dem Nichts tauchten sie auf: das seltsame Paar "man/frau", das famose Binnen-I in Wörtern wie LehrerInnen oder SchülerInnen. Fortan adressierten Polit ikerInnen ihre Reden an die "Bürgerinnen und Bürger". Dass Männlein wie Weiblein im Plural "die Bürger" bereits enthalten sind - geschenkt.

In der direkten Ansprache, in einem Brief zum Beispiel oder auch in dieser Kolumne, gebietet es die Höflichkeit, sich an die "liebe Leserin" und den "lieben Leser" zu wenden.

Warum etabliert sich neumodisches Gedöns wie das Binnen-I nicht in Zeitungen? Ganz einfach: Wer sich als Leser durch einen mit Fremdwörtern, rätselhaften Abkürzungen oder holperndem Bürokratendeutsch gespickten Text quälen muss, gibt früher oder später auf. Zu den berüchtigten Störern, die den Lesefluss bremsen und die Leselust vermiesen, gehört das Genderwelsch mit Binnen-I oder Endungen auf -in und -innen. Daher verwenden Journalisten meist den Plural für beide Geschlechter: Politiker, Bürger, Lehrer, Schüler, Freunde. Wenn ausschließlich Frauen agieren, ist selbstverständlich über Ministerinnen oder Studentinnen zu berichten - im Femininum.

Nun meinen manche Menschen, dass die Sprache ganz ohne Geschlecht auskommen muss. Weil ja fast jeder Satz Wörter enthalte, die Frauen erniedrigen und beleidigen. Der Europarat hat sich im vergangenen Jahr der Bekämpfung sexistischer Rollenklischees in den Medien angenommen. Ein "Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren" aus Schweizer Amtsstuben diente als Vorlage. Demnach sind altmodische Wörter wie "Vater" oder "Mutter" zu streichen und durch "Elter 1" und "Elter 2" zu ersetzen. Ultrafeministische Christinnen haben schon mal gefordert, das "Vaterunser" in ein "Mutterunser" umzupolen. Laut Europarat wäre "Elterunser" wohl richtig. Himmel hilf!

Political Correctness: Das Anti-Diskriminierungs-Mantra, erfunden in den USA und in Europa längst verbreitet, meint nicht nur ein sprachliches Phänomen, sondern eine Haltung, geradezu einen Lebensstil. Es ist politisch nicht korrekt, Opfergruppen wie Schwarze, Indianer, männliche und weibliche Homosexuelle, Frauen, Alte, Behinderte, Arme zu unterdrücken. Einverstanden.

"Neger" ist ein rassistisches Schimpfwort, tabu, weiß jeder. Politisch korrekt: "Afrikaner", "Afroamerikaner", "Afrodeutscher", "Schwarzer" oder "dunkelhäutiger Mensch subsaharischer Abstammung".

Viel schwieriger zu verstehen ist, warum die Armen unsichtbar geworden sind. Erst hießen sie "Minderbemittelte", dann "sozial Schwache", wahlweise auch "Bedürftige", "Unterprivilegierte" oder "Benachteiligte". Kranke und Behinderte sind "handicaped", "entfähigt", "anders befähigt" oder "körperlich herausgefordert". Und so weiter.

In Deutschland haben sich "Lehrlinge" in "Auszubildende" verwandelt, bei einer Drogeriekette neuerdings in "Lernlinge". Und "Krankenschwestern" nennt man/frau "Pflegekräfte" - erstens, weil "Schwester" etwas Herablassendes hat, zweitens, um ausnahmsweise die Männer vor Diskriminierung zu schützen: "Krankenbrüder"? Puh! Gut, dass es dieses Gender-Dingsbums gibt ...

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur

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