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Wirtschaft: Das ist Marktwirtschaft ...

Wirtschaft : Das ist Marktwirtschaft ...

Zur Berichterstattung über die Arbeits- und Produktionsbedingungen in Schlachthöfen, insbesondere Tönnies in Westfalen, sowie zum Fleischkonsum der Deutschen schreiben Rüdiger Rauls, Paul R. Woods und Peter Zingerling:

Ohne Schuldzuweisungen gegenüber dem Verbraucher (neudeutsch: Verbraucher-Bashing) scheint es heute kaum noch zu gehen. So sieht der Volksfreund-Kommentator im Leitartikel „Das Billigprinzip wird zur Brutstätte von Corona“ (TV vom 20./21. Juni) das Problem: „Die Konsumenten haben es der Industrie zu leicht gemacht. Jahrelang ist von den Verbrauchern möglichst günstiges Fleisch eingefordert worden.“ Nun stellt sich mir die Frage, inwiefern es für die Industrie schwerer wird, wenn sie für ihre Produkte mehr Geld erhält.

Zum anderen stimmt der zweite Satz des Zitats nicht mit der Wirklichkeit in Geschichte und Wirtschaft überein. Es gab in den Zeiten der Bundesrepublik nie eine Verbraucherbewegung oder -organisation, die die Industrie zu Preissenkungen aufgefordert hätte. Es gab auch nie Tumulte vor den Läden wegen zu hoher Fleischpreise. Die niedrigen Preise sind nicht Ergebnis von Verbraucherforderungen, sondern Ergebnis der Konkurrenz der Fleischproduzenten untereinander. Sie überschwemmen die Märkte mit billigem Fleisch, weil sie durch mehr Angebot mehr Marktanteile erringen wollen.

Das ist Marktwirtschaft, und die wirkt sich nicht nur bei Fleisch aus, sondern auch bei Bioprodukten. Der Verbraucher nimmt die günstigen Preise an. Daraus kann man ihm keinen Vorwurf machen. Warum soll er mehr zahlen, als man an der Kasse von ihm verlangt? Das macht im Bioladen auch niemand.

Zudem ist mit höheren Fleischpreisen nicht gewährleistet, dass das Geld dort ankommt, wo diejenigen es sehen möchten, die diese höheren Preise verlangen. Wer soll denn mehr bekommen? Der Viehzüchter, die Arbeiter in den Fleischfabriken und Schlachtereien, der LKW-Fahrer, der alles transportiert, die Arbeiter, die alles verladen, die Verkäuferin im Laden, die Kassiererin an der Kasse? Da wird mit Sicherheit viel neuer Streit entstehen.

Solche Forderungen mögen vielleicht gut gemeint sein, allein sie haben keinen Bezug zur Wirklichkeit. Denn in der Marktwirtschaft kann niemand dem Unternehmer vorschreiben, wie er seinen Gewinn zu verwenden hat. Niemand kann ihn zwingen, seine Leute besser zu bezahlen, seine Lieferanten nicht zu knebeln, solange er nicht gegen geltendes Gesetz verstößt. Und niemand kann ihn daran hindern, den höheren Gewinn für sich einzubehalten.

Rüdiger Rauls, Trier

Sauen, die zwischen Eisengittern ohne Bewegungsmöglichkeit stehen, Ferkel, denen ohne Betäubung der Schwanz und die Hoden abgeschnitten werden, Haltung auf Betonspaltenböden über Treibmistkanälen – Hauptsache Kosten vermeiden. Und wenn die Tiere schon so gehalten werden, warum sollte es bei den Arbeitern anders sein?

Mal abgesehen von der Vermeidung von Lohnsteuer und Sozialversicherung – also absichtlicher Schädigung des Gemeinwesens. Die Partei, die jahrelang die Kontrollen zurückgefahren und wiederholt gegen bessere Tierhaltung gestimmt hat, erhielt von dem Schlachtbetrieb in Rheda-Wiedenbrück immer wieder fünfstellige Spenden (honi soit qui mal y pense – oder etwa doch?).

Und dann stellt sich eine Ministerin derselben Partei ins Fernsehen und kocht mit Fleisch der untersten Preisklasse.

Aber die Verbraucher sollten sich nicht beklagen, denn es gibt überall lokale Metzgereien, die anzeigen, von welchem Betrieb das Schlachtvieh kommt, und die nur mit eigenen Fachkräften die Schlachtung vornehmen. Aber „Geiz ist geil“, und beim Discounter ist alles billiger.

Paul R. Woods, Neumagen-Dhron

Im vergangenen Jahr hat sich Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner mit dem Geschäftsführer von Nestlé getroffen, dem größten Zuckerproduzenten in Lebensmitteln. Vor einigen Wochen hat sie zusammen mit Johann Lafer in einer Kochsendung Werbung für Kaufland-Lebensmittel gemacht. Jetzt will sie eine Abgabe für bessere Bedingungen bei der Massentierhaltung und den Großfleischfabriken. Sie stellt sich so hin, als wäre sie diejenige, die die Missstände aufgedeckt hat und jetzt verbessern will. Der Verbraucher ist schon einige Schritte weiter.

Auch seitens der anderen Parteien kommen hier keine Einwände, es ist, als wären sie schon alle im Sommerurlaub. Kein Wunder, dass die SPD zum Beispiel nicht über 15 Prozent kommt. Die Frage ist: Was wäre ohne Corona passiert?

Peter Zingerling, Thomm