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Das Schloss von Fräulein Adelgund

Das Schloss von Fräulein Adelgund

Im Schloss aus dem zwölften Jahrhundert ist schon manches geschehen,es hat viele Ritter, Fürsten und Grafen gesehen.Das Schloss, dunkel, mysteriös und unheimlich,es heißt, früher spukte es drinnen ganz schauerlich.


Aus den Ahnenbildern in der Eingangshalle und der Treppe entlang
schauten die Ahnen auf die Gäste hernieder, ihnen wurde angst und bang.
Doch wenn der große Saal beleuchtet war,
dann glänzte und funkelte alles festlich, es war wunderbar.

Hier wohnte Fräulein Adelgund allein mit Marie, ihrer guten Fee
und jeden Nachmittag plauderten beide bei einer guten Tasse Tee.
Alle Vorfahren von Adelgund lebten nicht mehr,
der Jagdunfall ihres Bruders schmerzte sie sehr.
Sie war sehr tierlieb, hatte einen Papagei, Katzen und Hunde,
mit den Hunden drehte sie täglich ihre Runde.
Abends ab acht wollte sie ganz alleine sein,
schaute aufs Feuer im Kamin, schenkte sich einen Sherry ein.

Es geschah in einer schrecklich gruseligen Nacht,
der Regen prasselte herab, und es hat fürchterlich gekracht.
Vom Lärm aufgewacht ist Fräulein Adelgund,
um Mitternacht zur Geisterstund'.
Der Donner grollte, Blitze zuckten am Himmel,
im Schloss erschien Ritter Bruno, saß auf einem Schimmel.
Aus der Ahnengalerie hat sie den Ritter erkannt,
plötzlich sprach er zu ihr, sie stand wie gebannt:

"Befreie mich von diesem Fluch
vierhundert Jahre geistern sind genug,
habe gejagt Eber, Hasen und Fasan,
habe so vielen Tieren ein Leid getan,
gewildert, ging in der Schonzeit auch auf Pirsch,
und erlegt wurde von mir so mancher Hirsch.
Bin nicht zimperlich mit Tieren umgegangen,
drum bin ich auch hier im Schloss als Geist gefangen."

Weil Ritter Bruno seine Taten bereute
und Adelgund sich sehr darüber freute,
hatte sie Mitleid mit ihm und versprach,
ihm zu helfen aus seinem Ungemach.

Sie dachte oft im Schlaf
an ihren Vater, er war Graf.
Er ist verstorben in der Nacht
als sie gerade wurde acht.
Drum schlief und starb auch sie in diesem Bett,
wo Vater Graf sie einst geweckt.
Fünfundneunzig Jahre alt wurde Fräulein Adelgund,
war bis zum Schluss noch rege und gesund.
Einen Unfall, einen Sturz, einen heftiger Fall hat es gegeben,
nach einigen Tagen hat sie sich verabschiedet, aus ihrem Leben.

Marie, die gute Fee, im Schlafgemach ein Kästchen fand,
darin lag ein Brief, von Adelgund verfasst, mit zittriger Hand.
In dem Brief da stand geschrieben:
"Ich wäre so gerne auf Erden geblieben,
doch das Versprechen, das ich einst Ritter Bruno gegeben habe
will ich einlösen, um ihn zu befreien aus seiner grausigen Lage,
und deshalb möchte ich den Tieren ein Zuhause geben.
In meinem alten Schloss, dort können sie frei und gut leben.
Heimat für alle herrenlosen Haustiere, ob groß, ob klein,
dieses soll mein letzter Wille sein."

So geschah es, und Marie ist Leiterin der Tierpension geworden,
um im Schloss viele Tiere mit Freude und großer Liebe zu versorgen.