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Internet: Den Punkt wieder mal getroffen

Internet : Den Punkt wieder mal getroffen

Zum Artikel „Wenn berühmte Frauen im Netz gehasst werden“ (TV vom 16. November) schreibt Peter Kühn:

Seit mehr als 15 Jahren schreibe ich Leserbriefe an den TV, und seit fast genauso langer Zeit bekomme ich positive und negative Rückmeldungen zu meinen Anmerkungen. Entweder durch Freunde, Mitbewohner oder auch Fremde, die mich ansprechen, anrufen oder sich per Brief bei mir melden. Das ist in Ordnung, und ich freue mich über Disput und Diskussionen. Aber es gibt auch den einen, der mir seit Jahren anonym seine Verunglimpfungen, Schmähungen und Verwünschungen zukommen lässt. Jetzt bin ich ein Mensch mit einem gesunden Selbstbewusstsein und lasse mir von niemandem, auch nicht unterschwellig, drohen. Aber!

Es gibt da noch eine Familie, die mir über alles geht. Diese anonymen Briefe sind immer ein Punkt nach Leserbriefen. Denn so sicher wie ein Leserbrief erscheint, erhalte ich einen Brief. Immer dieselbe  Handschrift. Immer derselbe wirre Inhalt. Immer ohne Absender. Feigling, denke ich immer. Na ja.

Manchmal haben mich diese anonymen Briefe auch gehemmt, ich wollte dann nichts mehr schreiben. Aber nur kurz. Denn wir, die Familie, haben uns zusammengesetzt und darüber gesprochen, ob und wie es die Familie belastet, diese anonymen Briefe. Heute ist mein Junge groß und selbstbewusst, aber damals war er noch klein, und ich wusste ja nie, ob es nur bei wirren und kranken Andeutungen bleibt oder dieser Catweazle doch aus der anonymen Ecke herauskommt. Ich denke, das ist die Krux. Offen darüber sprechen und sich dann so verhalten, als ob es Catweazle gar nicht gibt, das geht gar nicht.

Wie Trophäen sammele ich von Anfang an bis heute diese Briefe  und freue mich, je mehr Hetztiraden verwendet werden. Denn dann habe ich den Punkt wieder mal getroffen. Ich schätze, dass dieser arme Mensch, mein Anonymer, noch keine zwei Steinwürfe von meinem Haus entfernt ein armes Dasein führen muss. Mir tut er manchmal echt leid. Hat er doch nicht genügend Charakter, um sich mir zu stellen. Das ist das Zweitwichtigste, das man bei Hetze und Verleumdung beachten sollte, denn warum sonst macht er, meiner, es anonym?

Was Lena Meyer-Landrut jetzt macht, ist die beste Möglichkeit, damit umzugehen. Die Öffentlichkeit, die die Anonymen scheuen, selbst herstellen. Drüber reden und die Anonymen auf die Größe schrumpfen, die ihnen gebührt. Ich wünsche allen eine solch tolle Familie, wie ich sie habe – und einen Lautsprecher.

Peter Kühn, Temmels