Tiere: Der böse Wolf und der Mann mit dem Schießgewehr

Tiere : Der böse Wolf und der Mann mit dem Schießgewehr

Zum Artikel „Der Wolf rückt näher – die Kritiker schäumen“ (TV vom 4. Juli) schreiben Egon Sommer, Monika Brost, Andreas Lindig, Hans-Peter Felten und Gaston Gillen:

Dem Volksfreund zunächst meine Anerkennung für das schöne, fast halbseitige Foto mit dem edlen Wolf. Das stach ins Auge und sollte wohl die Aufmerksamkeit auf den Artikel von Redakteur Rolf Seydewitz lenken. Wie das meist so ist, ziehen Bilder jedoch das Interesse vor dem Text an, und schon blieb mein Blick auf dem Mann mit dem Schießgewehr haften. Der Landtagsabgeordnete Michael Billen, die tödliche Flinte im Anschlag und den fiktiven bösen Wolf im Visier des Zielfernrohrs. Mir kam sehr schnell der Gedanke, dass ich vor diesem passionierten Jäger mit Flinte sehr wohl mehr Angst haben müsse als vor dem fleischfressenden Wolf, den er hierzulande angeblich nicht braucht.

Ich möchte wetten, dass der besorgte Nutztierzüchter aus der Eifel noch keinen Wolf in freier Wildbahn gesehen hat. Aber der Hang, auszurotten, ist schnell erwacht, und das ist die schlechte Seite der Wolfsbetrachtung. Die Tiere sind wieder in Deutschland angekommen, und reflexartig ist bei bestimmten Kreisen der menschliche Vernichtungstrieb wieder erwacht.

Ich bin sicher, dass der Wolf sich in unserem zersiedelten Lebensraum nicht mehr in der Dichte ansiedeln kann und wird, wie das im Mittelalter bis etwa vor 250 Jahren der Fall war. Man darf das Vorhandensein des Wolfs auch kritisch sehen. Unbestreitbar ist, dass er ein Wildtier ist und in der Wildnis seinen Hunger stillt. Und weil diese notwendige Wildnis in unserer Kulturlandschaft kaum noch in nennenswerter Größenordnung für seine Jagd offen ist, sucht er sich seine Beute in unserer kultivierten Welt.

Eins sollten wir bei aller aufkommenden Panik vor dem Wolf nicht wegdrücken: Genau am 31. Januar und am 4. Februar dieses Jahres hat ein oder haben mehrere Hunde in Mössingen/Baden-Württemberg an zwei Tagen zehn Schafe gerissen. Dass es Hunde waren, ist wissenschaftlich festgestellt. Und was kaum zur Sprache kommt, ist, dass viel mehr Schafe von Hunden gerissen werden als von Wölfen. Des Weiteren steht auch fest, dass zumindest in Deutschland bisher kein Mensch durch einen Wolf bedroht oder verletzt, geschweige denn getötet worden ist.

Wolfsexperten sprechen aus, dass eine Regulierung der Wolfsdichte angesichts der Population in Deutschland künftig erforderlich sein wird. Hier könnte deshalb die Anmerkung des im TV-Artikel abgebildeten rheinland-pfälzischen Bauernpräsidenten Michael Horper wirksam werden, dass es Zeit sei, Wölfe in das Jagdrecht aufzunehmen. Wann diese Zeit gekommen ist, sollte wiederum Sache der Experten der Wildtierökologie sein.

Egon Sommer, Tawern

Ich möchte die Überschrift gern berichtigen. Es sollte nicht heißen „die Kritiker schäumen“ sondern „die Kritiker sollten sich was schämen“. Und wen wir hier nicht brauchen, ist mit Sicherheit ein schießwütiger Landtagsabgeordneter. Sich in einer solchen Putin’schen Pose ablichten zu lassen, zeugt in meinen Augen von einem bildungsfernen Verhalten.

Wird nicht schon genug auf Mensch und Tier geballert in der Welt, muss ich mich als „Politiker“ mit einem Gewehr im Anschlag präsentieren? Es muss ja niemand mit dem Wolf kuscheln, aber man muss auch nicht direkt alles abknallen, nur weil es einem nicht ins Konzept passt. Landwirte bekommen Förderung für sichere Zäune und Schutzhunde, sie bekommen Geld für die toten Tiere, sollte sich herausstellen, dass der Wolf im Spiel war. Oftmals sind es aber keine Wölfe, sondern wildernde Hunde, die ein Vielfaches gefährlicher sind als scheue Wölfe. Ebenso die Wolfshybriden, die keine Scheu vor dem Menschen haben.

Ist das in Muscheid wirklich ein Wolf gewesen, frage ich mich, warum macht man keinen Elektrozaun um seine Tiere und schützt sie, wenn man weiß, es ist ein Wolf unterwegs? Welche Untersuchungen genau muss man machen, um zu sehen, dass dies ein Wolfsrüde aus einer Flachlandpopulation war und dieser auch noch nach Süden abgezogen ist? Woher weiß man das alles? Und kann ein Laie unterscheiden, ob der Biss von einem Wolf oder einem großen Hund stammt? Von 19 nachgewiesenen Wölfen in Rheinland-Pfalz wurden wie viele Schafe, Ziegen oder Kühe (von denen die meisten die längste Zeit im Stall stehen) gerissen? Nennen Sie mir einen Namen von einem Schaf-, Ziegen- oder Kuhvermehrer, der seine Arbeit wegen eines Wolfes aufgibt, wo die Tiere sowieso getötet werden und dies auch nicht immer unter „schönen“ Bedingungen, Herr Horper! Es reicht doch schon, dass man es in Deutschland mit dem Tierschutz nicht ernst meint, siehe Küken­schreddern, siehe Schweinehaltung, siehe Tiertransporte und  Schlachtbedingungen, siehe Tierhaltung in Zirkussen oder sogar die Schächtung von Schafen und Ziegen.

Und es ist richtig, Herr Weber, dass sich ein Jäger vor Gericht verantworten muss, wenn er sinnlos ein Tier tötet, welches auch noch unter Naturschutz steht. Das ist ein Gesetz! Alle wollen immer Europa haben, nur an die Anweisungen aus Brüssel oder die Gesetze der europäischen Union zum Schutz der Tiere will sich niemand halten.

Monika Brost, Wallenborn

Das Thema Wolf ist tatsächlich nicht ganz einfach, insbesondere aufgrund der Emotionalität, die damit einhergeht. Die Aussagen von Michael Billen und Michael Horper überraschen mich nicht, sie sind leider kein Einzelfall, weil genau diese Klientel den Wolf nicht will und daher auch alles daransetzt, den Schutzstatus aufzuweichen und Abschüsse zu propagieren. Dabei hilft dies niemandem, weder den Tierhaltern noch „besorgten Bürgern“. Klar ist, wenn ich Schafe, Ziegen und andere Weidetiere nicht schütze, wird – selbst wenn ich konsequent Wölfe entnehmen (also schießen) würde – es dennoch immer wieder zu Rissen und Verlusten kommen, da einzelne auf Durchreise befindliche Jungwölfe diese ebenfalls verursachen können – ohne, dass ich diese später erwischen würde.

Insofern ist die Konsequenz, und da sind sich Wissenschaftler, die meisten Politiker sowie Verbände verschiedenster Ausrichtung einig, dass es ohne Herdenschutzmaßnahmen nicht geht. Das können hohe Elektrozäune, Festzäune mit Untergrabschutz, Behirtung, Nachtpferche oder der Einsatz von Herdenschutzhunden sein. Jegliche Maßnahme muss der Situation vor Ort sowie der Herdengröße angepasst werden. Wenn dies flächendeckend umgesetzt würde, könnte man Risse sicher auf ein Minimum reduzieren. Erfahrungen aus anderen Bundesländern zeigen das. In Einzelfällen lernen manche Wölfe auch Schutzmaßnahmen zu überwinden. Ist das der Fall, hat man schon nach jetziger Gesetzgebung die Möglichkeit einzugreifen und einzelne Wölfe zu entnehmen.

Klar ist, die Wölfe breiten sich aus, es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Rheinland-Pfalz erste Rudel hat, und Tierhalter wären gut beraten, jetzt Maßnahmen zu ergreifen. Natürlich mit Unterstützung und finanzieller Förderung durch Politik und Gesellschaft. Die Überführung ins Jagdrecht hat dagegen keinen Effekt. Die Jägerschaft täte gut daran, sich ein Beispiel an den Kollegen aus anderen Bundesländern (zum Beispiel Niedersachsen) zu nehmen, die aktiv und konstruktiv am Wolfsmonitoring beteiligt sind, anstatt sich in Konkurrenzdenken und Abschussforderungen zu verlieren.

Seit kurzem existiert eine Empfehlung für bundeseinheitliche Standards zum Herdenschutz vor Wölfen, indem ein Verbändebündnis mit Schäfern, Jägern, Natur- und Tierschützern vormacht, dass ein Konsens sowie der Wille zur friedlichen Koexistenz von Wolf und Weidetieren möglich ist. Das sollte der Weg sein, den wir gemeinsam einschlagen, und nicht der Aufruf zur nochmaligen Ausrottung des Wolfes wie vor 200 Jahren.

Andreas Lindig, Trier

„Wir brauchen den Wolf hier nicht“ wird der passionierte Jäger Michael Billen zitiert. Man könnte meinen, er habe recht, kamen wir doch mehr als ein Jahrhundert auch ohne den Wolf gut klar. Vieles war sogar einfacher und bequemer. Allerdings muss man die Frage stellen, ob wir wirklich nur die Tierarten um uns dulden wollen, die wir brauchen, das heißt: die für uns nützlich sind! Unter dem reinen Nützlichkeitsaspekt könnten wir auf noch manche Tierart verzichten. Dass man damit aber auf dem Holzweg ist, haben viele Menschen, darunter auch Politiker, erkannt – Stichwort: Erhaltung der Artenvielfalt. Wir tragen nämlich auch Verantwortung für die Arten, deren Nützlichkeit nicht auf den Menschen ausgerichtet ist. Die Haltung „brauch ich nicht, will ich nicht“ ist daher nicht diejenige, die  der angeblichen Krone der Schöpfung angemessen ist.

Im selben Artikel lässt Bauernpräsident Michael Horper die Leser wissen, die Gesellschaft werde sich entweder für den Wolf oder für Nutztiere entscheiden müssen. Er reagiert damit ähnlich rigoros wie Herr Billen, als ob es nicht einen Mittelweg zwischen den beiden Extremen gäbe. Dies sieht auch unsere ansonsten wenig überzeugende Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner so. Bezüglich des Konfliktfeldes Wolf/Weidetierhaltung formuliert sie im TV vom 6. Juli unmissverständlich: „Es gibt hier kein Entweder-oder.“

Anders als in Ländern, in denen der Wolf nie ausgerottet worden war, müssen wir erst wieder lernen, mit ihm zu leben. Ich bin nicht so blauäugig zu glauben, dass dieser Lernprozess einfach wäre. Ängste gilt es abzubauen (Rotkäppchensyndrom), auf Privilegien zu verzichten (nicht mehr konkurrenzlos im Jagdrevier) und vor allem hinsichtlich der auf der Weide gehaltenen Nutztiere Vorsorge zu treffen. Die Weidehaltung wird nicht mehr nach der bisherigen Praxis ablaufen können. Mit einem „Entweder-oder“ macht man es sich aber sehr einfach und setzt sich dem Verdacht aus, sich einer Mitarbeit an einer Lösung der zweifellos vorhandenen Probleme verweigern zu wollen. Statt Fronten aufzubauen, sollte die Lösung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe im Interesse der Nutztierhalter wie des Wolfes gleichermaßen gemeinsam angegangen werden.

Hans-Peter Felten, Daun

Dass der TV drei Kritiker schäumen lässt, mag man bei oberflächlicher Betrachtung als journalistische Pflichtübung vermuten. Aufmachung und inhaltliche Einlassungen der sogenannten Kritiker lassen unangenehme Ähnlichkeiten zu einem gewissen Boulevardblatt aufscheinen, beginnend bei der Bildauswahl: Ein im Verhältnis Text/Bild übergroßes Wolfsbild soll wohl die drohende Nähe des Wolfes virtuell erlebbar machen und den Titel des Beitrags „Der Wolf rückt näher“ visuell betonen. Der Bauernpräsident Michael Horper bedient mit dem Zitat „Schluss mit der Willkommenskultur“ eine vermutete Schnittmenge Wolfsgegner/Migrationsgegner. Die vom Umweltministerium beschlossenen Präventions- und Ausgleichsmaßnahmen wie auch die von den Nutztierhaltern auszuführenden Schutzmaßnahmen reichen „den Kritikern“ nicht aus. Dazu wird wieder einmal die simplifizierende Angstkeule ausgepackt: Die Gesellschaft (Gesinnungshaft für alle!) müsse sich „entweder für den Wolf oder für die Nutztiere entscheiden“. Viele „Halter von Schafen, Ziegen und Kühen“ würden ihre Betriebe aufgeben bei Fortsetzung der „bisherigen Praxis“. Herrn Horper scheint entgangen zu sein, dass nicht der Wolf, sondern die industrielle Landwirtschaft im Bündnis mit dem Preisdruck der Lebensmittelindustrie kleinbäuerliche Betriebe vernichtet und der Umwelt schadet. Dabei weiß er doch in der „schönen Güllerin“ (Zitat heute show) eine willfährige Erfüllungsgehilfin der Agrarlobby in Berlin.

Ebenso wenig subtil wie Herr Horper bringt sich der passionierte Jäger Michael Billen ein: mit konzentriertem Blick durchs Zielfernrohr bei einer Schießübung abgebildet. Er vermittelt uns die Binsenweisheit, der Wolf sei kein Kuscheltier, sondern ein Frischfleischfresser. Es ist anzunehmen, dass er den Wolf als direkten Nahrungskonkurrenten betrachtet, dem er mit seinem Gewehr begegnen möchte. Aber es ist weiter anzunehmen, dass Herr Billen sich in geltendem Recht auskennt. Auch Marco Weber von der FDP wünscht den Wolf in das Jagdrecht aufzunehmen, denn „bislang müssten sich Jäger vor Gericht verantworten, wenn sie einen Wolf erlegten.“ Ein Schuft, wer dabei Übles denkt!

Rolf Seydewitz ist zugutezuhalten, dass neben der Stimmungsmache auch sachliche Informationen einfließen. Dennoch ist fragwürdig, ob der Beitrag zur Entemotionalisierung der Diskussion beitragen will.

Gaston Gillen, Trier

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