Der Mann ist prima

Als ich vor elf Jahren nach Trier kam, hieß bei es bei allen Bekannten: Da ist ein neuer Generalmusikdirektor, ein Ungar, geh' dir den anhören, der Mann ist prima, das alte Orchester ist nicht wiederzuerkennen.

Ich ging und hörte, einmal, mehrmals, immer wieder. Der Mann begeistert mich noch heute. Nun soll er zum nächsten Termin gehen. Warum eigentlich? Nur weil der andere "Partner" seiner überdrüssig wäre und ein "neues Gesicht" sehen will? Der Vergleich mit der Lebenspartnerschaft ist doch nicht nur abgegriffen, er ist auch schief. Ein Orchester ist kein Einzelwesen, sondern eine Versammlung von - durchaus überdurchschnittlich sensiblen - Menschen, die unter dem Zauberstab des Dirigenten für jeweils ein paar glückliche Augenblicke zu einem "Ensemble" ganz eigener Art werden. Natürlich stellt sich in den weniger glücklichen Augenblicken der Probenarbeit die gefürchtete Routine ein, die zum Erschlaffen führt. Aber warum sollte eigentlich nur für den einen angeblichen "Partner" die klösterliche Regel der stabilitas loci gelten, der Ortsfestigkeit, für den anderen aber wie selbstverständlich die mobilitas, der Ortswechsel? Ein jeder Musiker, ob Streicher, Bläser oder Schlagzeuger, kann sich doch wohl auch wegbewerben, wenn ihm danach ist? Wenn er angesichts der immer stärker werdenden Konkurrenz dafür keine Chance sieht, bleibt nur übrig, sich selber den "Kick" zu geben, den man beim Dirigenten vermisst. Dauerverträge sind nun einmal schleichendes Gift für den Elan. Im Übrigen lässt sich dem ach so normalen Effekt der Abnutzung sicher durch geeignete Maßnahmen bis zu einem gewissen Grad vorbeugen. Wichtig wären mehr Gastdirigate und auswärtige Gastkonzerte, noch wichtiger wären ein besserer Konzertsaal und erweiterte Befugnisse des GMD bei der Programmgestaltung: "Generalmusikdirektor" sollte nicht nur eine pompöse Bezeichnung sein, sondern tatsächlich generelle Gestaltungskompetenzen im Bereich des Musiktheaters garantieren. Dafür wäre eine Vertragserneuerung der günstige Zeitpunkt. Am wichtigsten bleibt freilich: unverdrossene Schaffensfreude und Ideen am Pult. Ich denke, hieran will doch niemand wirkliche Zweifel anmelden. Prof. Dr. Hartmut Köhler, Trier

Mehr von Volksfreund