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Der Preis darf nicht die Freiheit sein

Der Preis darf nicht die Freiheit sein

Zum Leserbrief "Schluss damit" (TV vom 23./24. Februar):

Herr Kemmer schreibt, es sei nicht verwunderlich, "dass im neoliberalen System, in welchem Manager es als ihre Aufgabe ansehen, für das Kapital ihres Unternehmens die höchstmögliche Rendite ohne soziale und ökologische Rücksichten herauszuholen, es nicht anders machen, wenn es um ihr eigenes Geld geht".Dieser Satz ist falsch. Liberalismus ist eine Denkweise, die Eigenverantwortung und größtmögliche Freiheit des Einzelnen vertritt. Wirtschaftlich bedeutet dies, dass der Markt frei sein sollte. Auch vor den schlimmen Ergebnissen totalitärer Systeme wurde im 20. Jahrhundert die Idee der freiheitlichen Ausrichtung weiterentwickelt. Damit nicht nur der Stärkere von der Freiheit profitiert, wurde die Soziale Marktwirtschaft entworfen. Dies ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Neoliberalismus. Der "Spiegel" bezeichnete kürzlich Ludwig Erhard, den Vater des Wirtschaftswunders, als ersten praktizierenden Neoliberalisten. Soziale und ökologische Rücksichtslosigkeit lässt sich also nicht mit Neoliberalismus begründen, auch wenn viele eher Linksorientierte dieses Wort - wohl aus Unkenntnis - gerne als Totschlag-Argument zur Brandmarkung des politischen Gegners verwenden.Natürlich gibt es auch im freiheitlichen System Missbrauch, wie die neuesten Vorfälle zeigen. Deren Ursache scheint jedoch zu sein, dass unser Steuersystem vor Einzelfall-Gerechtigkeitswahn so kompliziert geworden ist, dass man die Löcher darin nicht mehr findet. So sieht es auch der als "Heidelberger Professor" lächerlich gemachte Richter am Bundesverfassungsgericht a. D., Paul Kirchhof. Steuerhinterziehung ist in allen gesellschaftlichen Schichten weit verbreitet. Jedes (liberale wie regulierte) Steuersystem funktioniert nur, wenn es von den Steuerzahlern akzeptiert wird. Wer jedoch aus der Geschichte gelernt hat, verunglimpft Freiheit nicht. Der Sozialismus der DDR hat erst bewiesen, dass mehr Sicherheit durch Vollregulierung kein Mehr an Gerechtigkeit bedeutet. Alles hat seinen Preis. Der Preis darf aber nicht die Freiheit sein.Silke Reinert, Trier steuer-skandal