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leserbriefe
Der schlimmste Dickmacher: Psycho-Stress

Gesundheit

Zum Artikel „Welches Körpergewicht ist am gesündesten?“ (TV vom 1./2. September):

In der ganzen Diskussion über das Problem Übergewicht wird ein entscheidender Faktor übersehen. Übergewicht ist die Folge von chronischem psychosozialen Stress, ein weit verbreitetes Phänomen besonders in sozial schwachen Schichten, es sind zwei Seiten einer Medaille. Bekannterweise sind finanziell besser Gestellte dünner und gesünder, sie verfügen über mehr Hilfsmöglichkeiten.

Chronischer Stress setzt dauerhaft Cortisol frei, was zu Umwandlung von Eiweiß in Körperfett und Diabetes führt, ein dauerhaft erhöhter  Adrenalinspiegel verlangt Energie, bevorzugt schnell verwertbaren Zucker.

Schnell sind die Depots in der Muskulatur aufgefüllt, Zucker steht in allen möglichen Formen zur Verfügung. Jetzt steigt der Insulinspiegel im Blut, aber das Gehirn bekommt keine Nahrung und fordert unerbittlich Nachschub. Füttere mich! Übergewicht ist die Folge. Schuldzuweisungen an Dicke sind ungerecht, sie können nicht anders handeln.

Zusätzlich führt die Zunahme von Allergien, vermittelt über eine genetisch veränderte Gewebsabwehrzelle, 16 Prozent der Bevölkerung sind betroffen, bei Stresseinfluss zum Wachstumsreiz auf die  Fettzellen.

Körperfett fängt übermäßiges Stresshormon auf, eine sinnvolle Abwehr des Körpers. Jeder kennt den Typ des gemütlichen Dicken.

Diätberatungen haben eine miserable Langzeiterfolgsquote, wenn sie sich nur aufs Kalorienzählen beschränken, sie übersehen die Forderungen des Gehirns. In Kombination mit körperlicher Aktivität sind die Ergebnisse etwas besser.

Eine erfolgreiche Strategie erfordert neben der Stressmessung und Stressbewältigung ein energisches Eingreifen der Politik. Viele Nahrungsmittelhersteller, besser „Zuckerlieferanten“, benehmen sich wie Drogendealer, sie fixen die Konsumenten mit Zucker in allen Formen an. Hier erleben wir Politikversagen. Stressmessungen sind auch in der Praxis unkompliziert möglich. Ein Sechs-Minuten-EKG mit Auswertung des Zustandes des vegetativen Nervensystems zeigt zuverlässig den Stresszustand an. Der  Softwareentwickler sitzt übrigens in Trier. Im Speichel lässt sich das Stresshormon Cortisol als Tagesprofil messen.

Die gesundheitliche Gefährdung, Diabetes, Krebserkrankungen und Bluthochdruck durch hohe Insulinspiegel bei gleichzeitig erhöhten Blutzuckerwerten, ist im Zwei-Stunden-Bluttest nachweisbar. Nicht die Betrachtung des Körpergewichts nach dem Body-Mass-Index ist ausschlaggebend für die Prognose eines gesunden verlängerten Lebens, sondern die Betrachtung der individuellen Stoffwechselsituation und des Stresspegels. Neben der körperlichen Aktivität ist eine individuelle Strategie zur Stressbewältigung unerlässlich. Die Politik ist aufgefordert, chronischen Stress durch unsichere Lebensverhältnisse, zum Beispiel unsichere Arbeitssituation, zu reduzieren und die Nahrungsmittelindustrie in die Schranken zu weisen.

Dr. med. Hansjoerg Lucas, Mertesdorf