Der wahre Klang des Grauens

Der wahre Klang des Grauens

Zum Artikel "Ledermann am Limit" (TV vom 11./12. Juli):

Die Berichterstattung des TV über das Festival für Neue Musik "Mensch am Limit" ist insgesamt wenig engagiert und harmlos ausgefallen, war aber immerhin gut gemeint. Reichlich Platz wurde hingegen verschenkt - für eine völlig unangemessene Besprechung der Kurzoper "Ledermann", die zu einem hilflosen Erlebnisbericht über eine erste Begegnung mit Gegenwartskultur geriet.

Wirklich schade - "16vor" hat gezeigt, dass es auch ganz anders geht. Die zutiefst sinnliche Musik ist trotz ihrer Atonalität für heutige Hörgewohnheiten unmittelbar eingängig. Kraftvoll, sensibel, ergreifend und schlüssig verbindet sie Inhalt und Handlung zu einem dichten und packenden Gesamtkunstwerk, dem sich außer der Rezensentin wohl niemand entziehen konnte. Damit ist die Musik in hohem Maße schön - einige Diskutanten im Anschluss fanden sie stellenweise "zu schön".

Bestimmt ist Etliches an der Oper diskutierbar, was ihre Glaubwürdigkeit aber nicht relativiert. Auch wird der wahre Klang des Grauens vielleicht immer Fiktion bleiben. Mehr als peinlich finde ich es aber, wenn die Rezensentin nur "Donnergrollen" und "Klangteppich" wahrnehmen konnte und der Musik "zu wenig Akzente" attestiert. Übrigens soll an dieser Stelle die spürbare Begeisterung und beeindruckende Leistung des gesamten Ensembles nicht unerwähnt bleiben. Auch die kulturpolitische Bedeutsamkeit dieser Oper ist der Rezensentin entgangen.

So manche Musik nach 1945 bezieht sich implizit auf die Schrecken unserer Nazi-Vergangenheit. Doch als Stoff einer Oper? Bisher undenkbar. Wie groß ist die Gefahr einer ungewollten Banalisierung und damit des absoluten Scheiterns! Bereits das Wagnis einer solchen Oper ist nicht hoch genug einzuschätzen. Komponist Wolfram Saalern und Dramaturg Peter Larsen haben einen Meilenstein gesetzt, der dem deutschen Musiktheater vielleicht neue Pforten öffnet.

Leider waren keine Mitglieder des Stadtrats im Publikum auszumachen. Ich weiß, dass nicht jeder überall sein kann. Doch sollten nicht zumindest Kulturpolitiker ein kulturelles Ereignis besonderer Tragweite als solches erkennen und würdigen, zumal wenn es als Inszenierung des eigenen Stadttheaters daherkommt?

Markus Bydolek, Trier

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