Deutsche Dinosaurier

Natur

Zum Artikel "Windkraftlobby rotiert: Land beharrt auf schärferen Regeln" (TV vom 14. Juni):
Es ist schon unglaublich, wie rücksichtslos sich manche Windkraftplaner und -betreiber über die Anliegen betroffener Bürger hinwegsetzen, die sich gegen Lärmbelästigung und gegen die Zerstörung des regionalen Landschaftsbildes wehren. Und mit welcher Ignoranz fachlich fundierte Einwände aus dem Natur- und Artenschutz beiseitegeschoben werden. Darin unterscheiden sie sich kaum von der Atom- und Kohlelobby. Was Letzteren die angebliche Gefährdung der Energiesicherheit ist, ist für die Windkraftlobby die angebliche Gefährdung der Energiewende. Bei jedem nicht genehmigten Windkraftstandort wird sie heraufbeschworen. Dabei ist es doch so: Die oft arm gesparten Gemeinden und die Grundstückseigentümer, die ihren Acker zur Verfügung stellen, werden mit lukrativen Gewinnversprechen geködert. Und die 2013 in Rheinland-Pfalz von der Regionalebene auf die Kommunen verlagerte Planungskompetenz für Windkraftstandorte fördert den ungeregelten Wildwuchs.
Am Ende erkennt man wertgeschätzte, ästhetisch ansprechende und naturnahe Landschaften nicht wieder. Wo die Bevölkerung früher in Wald- und Waldrandgebieten Ruhe und Entspannung finden konnte, dröhnen die Rotoren. Einst hatten hier seltene Tierarten beruhigte Rückzugsräume, hier konnten sie reproduzieren. Und: Wo gibt es noch einen halbwegs freien Blick zum Horizont? Ist das die Erholungslandschaft, die unsere Region für den Tourismus attraktiv machen soll?
Für die Betreiber der Anlagen würde sich die Ausdehnung der für die Windkraftnutzung vorgesehenen Flächen rechnen. Und für manche Gemeinde mag der "eigene" Windpark bis auf weiteres ein einträgliches Geschäftsmodell sein. Aber Klimapolitik geht anders! Solange nicht wirklich nachhaltig und flächendeckend etwas geschieht, vor allem bei der Energieeinsparung, aber auch bei der Nutzung von Übergangstechnologien (zum Beispiel Gas statt Kohle), bei der dezentralen Versorgung durch Kraft-Wärme-Koppelung, bei der umfassenden Nutzung von Gebäude- und Industriedächern für Solaranlagen, bei der Verkehrspolitik (als letztes Land in Europa genehmigen wir deutschen Dinosaurier uns noch immer freie Fahrt für freie Raser und Spritvergeuder auf Autobahnen!), bei der industriellen Landwirtschaft - solange wird es keine Energie- und keine Klimawende geben.
Deshalb ist Deutschland klimapolitisch nur in Hochglanzbroschüren, bei der vollmundigen Ankündigung von Klimazielen und in den Labors der sich selbst kontrollierenden Autoindustrie spitze. Aber wie ist die Wirklichkeit? Auf seiner Homepage teilt das Bundesumweltamt mit: "Der Endenergieverbrauch (EEV) in Deutschland ist seit Beginn der 1990er Jahre kaum gesunken. Im langjährigen Trend ist nur der Wärmeverbrauch rückläufig, während der Verbrauch von Kraftstoff nahezu konstant ist und der Stromverbrauch steigt." Bei den klimaschädlichen Emissionen sieht es im Rahmen einer Gesamtschau nicht viel besser aus.
Hier ist eine breitangelegte, langfristige Energie- und Klimapolitik gefragt. Immer noch eine weitere Windmühle hinzustellen, ist da nicht wirklich innovativ. Die Preisgabe siedlungsnaher Gebiete und schützenswerter Landschaftsräume an die Windkraftindustrie ist jedenfalls keine Alternative. Bleibt zu hoffen, dass unsere Landesregierung standhaft bleibt gegenüber der Windkraft-Lobby.
Rolf Winkler
Trier