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Die Fehler der Jäger

Zum Thema "Wildschwein-Plage" meint dieser Leser:

Die Realität bei der Jagd auf Wildschweine zeigt seit Jahren, dass der banale Ansatz "Zu viele Wildschweine, also höhere Abschusszahlen" völlig unwirksam ist. Vielmehr sind es die Jäger selbst, die das Dilemma erheblich mit verursachen.

Tonnenweise nährstoffreiches Futter (Kirrung) wird in die Nähe von Hochsitzen gekarrt, um die Ansitzzeiten zu verringern. Das führt unter anderem dazu, dass die Überlebenschance der Frischlinge aus einem Wurf bis zu 100 Prozent betragen kann (zum Vergleich: In Gebieten ohne Jagd und ohne Fütterung liegt die Zahl der Nachkommen bei vier bis fünf Frischlingen, davon überleben das erste Jahr meist nur zwei). Wildschwein-Experten sprechen von einer regelrechten "Wildschweinmast", um Bestandszahlen künstlich auf hohem Niveau zu halten.

Zudem bringen Jäger insbesondere bei der Treibjagd Stress, Panik und Chaos in das hochsensible Sozialgefüge der Wildschwein-Rotte. Das Fortpflanzungsverhalten wird angepasst, Verluste schnell ausgeglichen und entsprechend mehr Nachwuchs gezeugt.

Damit nicht genug. Es werden immer wieder die falschen Tiere (Leitbachen) geschossen und somit dem Sozialverhalten der Rotte derart geschadet, dass es zu einer regelrechten Geburtenexplosion kommt. Zur Erklärung: In einer funktionierenden Wildschwein-Rotte kommt es durch Ausstoßen von Pheromonen durch die Leitbache lediglich einmal jährlich zu Paarung und Nachwuchs. Fehlt dieses Tier, weil es geschossen wurde, hat dies eine unkontrollierte Vermehrung zur Folge. Bei der Bejagung tritt also das Paradoxe ein: Je mehr Wildschweine geschossen werden, desto höher werden die Folgebestände.

Die meisten Jäger haben augenscheinlich kein Interesse daran, Kausalzusammenhänge von Ursache, Verhalten und Wirkung innerhalb der Natur zu verstehen. Ein weitreichender Lösungsansatz kann nur die radikale Reformierung des Jagdrechts sein.

Jochen Gorges, Mertesdorf

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