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Klima
Die Grenzen des Wachstums oder: Es wird böse enden

Zur Berichterstattung und zu Leserbriefen über den Klimawandel und die Protestbewegung Fridays for Future schreiben Karl-Heinz Keiser, Dr. med. Margarethe Huschens, Heinz Erschens, Dr. Edmund Geisen, Karl-Josef Prüm und Dr. Ernst Cleven:

Was Greta angestoßen hat, bewegt die Welt. Millionen von Jugendlichen kämpfen um den Lebensraum der Zukunft. Klimaschutz ist Einschränkung des Lebensstandards, was kein politischer Entscheidungsträger zulässt, weil es seiner Karriere schadet.

Die Jugendlichen müssen außer der Forderung an die Politik ein weiteres Ziel verfolgen. Jene, die es noch nicht getan haben, müssen ihren Eltern zu Beginn der Ferien sagen: Ich fliege nicht mit. Damit wären sie ehrlich zu sich selbst und bewegten mehr als die Demonstrationen in den Städten. Es würde auch der Gesellschaft helfen, den Irrsinn des unbegrenzten Wachstums zu begreifen.

Die gesamte Mobilität von Menschen und Gütern braucht einen anderen Stellenwert. Wenn auf den Gemüsemärkten im sonnenverwöhnten Italien holländische Treibhaus-Tomaten günstiger und indische Pflastersteine auf dem Marktplatz von Wipperfürth nach 6000 Kilometern Transport billiger sind als die vom Steinbruch im Nachbarort, liegt der sinnlose Energieverbrauch auf der Hand. Zudem stört es niemand in der Wohlstandsgesellschaft, dass in indischen Steinbrüchen 150 000 Kinder – oft unter zehn Jahren – Zwangsarbeit leisten. Solange der Bundesverkehrsminister sich in seiner Doppelrolle in erster Linie als Lobbyist der Industrie versteht, wird sich außer Kosmetik, die mit rhetorischen Kunstgriffen der Gesellschaft als großer Wurf verkauft wird, nichts ändern.

Die armen Menschen in der Dritten Welt, die als Erste unter den Klimasünden leiden, können nicht wie die Gelbwesten in Frankreich und der Mob in Hamburg Autos anzünden und Schaufenster einschlagen. Für sie entstehen neue Gebete, in denen es heißt: Mögen Flieger, die unsere Luft vergiften, vom Himmel fallen, und Schiffe, die das Gleiche tun, im Meer versinken. Solch schlimme Gebete gibt es noch nicht. Aber politische Fehlentscheidungen, die noch größeres Unheil anrichten, gibt es seit Jahrzehnten.

Weitermachen, bis alles sich von selber regelt? Eine Kostprobe hierzu liefert aktuell Mosambik.

Karl-Heinz Keiser, Thomm

Liebe Schülerinnen und Schüler! Großes Kompliment für euer beeindruckendes Engagement und euren Mut zu zivilem Ungehorsam! „Wer das Recht hat und die Geduld, für den kommt auch die Zeit“, sagte  Johann Wolfgang von Goethe. Das Recht habt ihr auf jeden Fall, es ist eure Zukunft. Die Geduld habt ihr nicht mehr, zu lange wurde geredet und nicht gehandelt. Deshalb ist jetzt eure Zeit!

Ich freue mich schon, wenn wir bei der nächsten „Fridays for Future“-Demonstration am 12. April in Trier zusammen singen: „We shall overcome, we shall overcome, we shall overcome some day! O, deep in my heart I do believe, that we shall overcome some day! We shall live in peace, we shall live in peace, we shall live in peace some day! O, deep in my heart I do believe, that we shall live in peace some day!”

Dr. med. Margarethe Huschens, Leiterin Trierer Arbeitskreis Umwelt und Medizin (TRAUM), Trierweiler

Es gibt unterschiedliche Theorien über den Klimawandel. Während der Präsident der USA die Erderwärmung leugnet, wird in Europa, besonders in Deutschland, eine Hysterie vom Ende der Welt erzeugt. Man fällt von einem Extrem ins andere. In Deutschland mutieren die neuen Ökos zu Klimablockwarten, die sich besser fühlen, wenn sie Unternehmen oder Bürger beim Sündigen erwischen. Im US-amerikanischen Entertainment wird mit viel Tamtam, Prominenz und großer Schaufel diesbezüglich eine Wohlfühlrhetorik propagiert.

In Deutschland ist es üblich, dass  regierende Politiker mit Konzernen und der Wirtschaft ins Bett gehen,  aber in Sonntagsreden den Umweltschutz in den Vordergrund stellen. Ökologie, Klimaschutz und Wirtschaft sind scheinbar Gegensätze, die nicht so schnell in Einklang zu bringen sind.

Meinungsbildner im Trendjournalismus und Talkshows sind meist „Experten“, die in selbstdarstellerischer Weise Emissionslyrik verbreiten und Katastrophenbilder an die Wand malen. So wird das „Gewusst wie“ mit dem eigenen Glamour und Wichtigkeit verbunden. Es gelingt nicht, eine nachhaltige Bewusstseinsebene für den Klimaschutz beim Bürger zu erzeugen. Man sollte die Umweltbewegung nicht als Feindbild, sondern als moralische Instanz ansehen und ihre Vertreter eher als glaubhafte Pioniere, die in überzeugenden Argumentationen wegweisend für die Zukunft sind.

Die Grünen haben weder das politische Profil noch ist ihr persönlicher Lebensstil geeignet, ein glaubhaftes Modell abzugeben, weil die Problemverlagerung von der Sachebene auf die moralische Ebene nur die Positionen der Andersdenkenden schwächt. Diese Klima-Avantgarde hat keine Probleme, Hartz IV zu begründen, weil es ihr eigenes Leben nicht betrifft, und somit ist es auch nicht nötig, eine ökologisch-soziale Moral in ihre gehobene Mittelschicht und in ihr bürgerliches Verständnis zu integrieren.

Man kann darüber debattieren, ob der Klimaschutz nur etwas für die westlichen Länder ist, während weltweit Unzählige ums tägliche Brot kämpfen. Bei Milliarden Indern und Chinesen hat die Produktion von Kohlendioxid gerade erst begonnen und nimmt täglich mehr Fahrt auf.

In Deutschland hat die Ökowelle mit dem erhobenen Zeigefinger sogar  die Schulsäle erobert, weil Ideologen Zukunftsängste all denen suggerieren, deren Lebensqualität nicht in Bio-Läden, sondern eher in dem Ideal von McDonald’s zu suchen ist. Nun belehren neun- bis 15-jährige Teenies die Welt über Kohleverstromung, Dieselautos, Feinstaub und Fahrverbote. Diese Genies machen so etwas mit links, ohne Studium und nicht samstagnachmittags, sondern während der Schulzeit. Diese Demos erreichen die Menschen, die ihr Grundrecht auf Gleichgültigkeit in Anspruch nehmen, nicht. Die Smartphone- und Handy-Generation hat wenigstens etwas Bewegung, denn viele dieser PS- und Kohlendioxidhysteriker werden mit dem Diesel vors Schultor gebracht, da für sie der Weg zu Fuß  oder mit dem Fahrrad zu anstrengend ist. Da ist Klimaschutz nur noch etwas für kinderlose Lehrerehepaare, die in den Schulferien durch die Welt fliegen, um dem nachhaltigen ökologischen Tourismus zu frönen.

Heinz Erschens, Kell am See

Die Idee und die Aktion, junge Menschen international für den Klimaschutz demonstrieren zu lassen, finde ich grundsätzlich gut. Über das Wie und Wann der Demos  kann man verschiedener Meinung sein; das ist aber zweitrangig.

Wenn das Ziel erreicht wird, dass sich die Menschen weltweit, die alten wie die jungen, bewusst werden, dass jeder Einzelne etwas für den Umweltschutz tun kann, und sich dann alle auch dementsprechend verhalten, wäre diese Aktion die wirksamste aller Zeiten. Wenn dazu in den Schulen und in der Ausbildung junger Generationen das Umweltbewusstsein und ein dementsprechendes Verhalten international und nachhaltig gestärkt und gefördert werden, wäre dies als Zeitenwende einzuordnen. Es hieße aber auch „Zurück zur Natur“.

Spürbarer Umweltschutz muss im Kleinen beginnen, wird aber nur messbar in Erscheinung treten, wenn viele mitmachen – am besten die ganze Erdbevölkerung.

Nie zuvor war es möglich, alle notwendigen Gemeinsamkeiten  schnellstens und gleichermaßen zu verbreiten wie heute. Dies verdanken wir den modernsten Kommunikationsmedien, die leider aber auch – falsch eingesetzt – das Öko-System belasten.

Den Klimawandel stoppen zu wollen, ist Augenwischerei; denn Klima war und ist – aus den Naturgegebenheiten heraus – immer im Wandel. Die politische Schlagzeile „Wir stoppen den Klimawandel“ ist daher irreführend.

Das lebensnotwendige CO² der Luft muss in den öffentlichen Debatten so herhalten, als wäre es Gift und als hätte der Mensch es im Griff. Dem ist aber nicht so, denn allein die Mengen an CO² den unendlich vielen natürlichen Quellen und Ursachen zuzuordnen und zu gewichten, wird vermutlich niemals gelingen, geschweige denn zu unterbinden sein. Das Wichtigste, das die Schüler-Demos bewirken, ist meines Erachtens, dass sie hoffentlich international sensibilisieren und nachdrücklich auf die globalen Herausforderungen hinweisen.

Natürlich wäre als Resultat zu wünschen, dass sich die Verantwortlichen für Deutschland, für Europa, ja, die aller Kontinente, immer schneller bewusst werden: „Wir sitzen alle in einem Boot.“

Nicht die Einzelstaaterei, nicht der Protektionismus, nicht die Hochrüstung einzelner Staaten sind die Zukunftslösung. Wer Frieden, Wohlstand und Umwelt erhalten und schützen will und dies international befürwortet, muss auf Zusammenarbeit und Gemeinsamkeiten hinwirken.

Aktuell lobe ich da den Kampf des Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung um mehr Haushaltsmittel. Wer Flüchtlingsströme verhindern will, muss mit daran arbeiten, dass Menschen, überall – besonders auch in Afrika – eine liebenswerte und überlebensfähige gute Zukunft haben. Daher wird sich der richtige Einsatz von Finanzmitteln in Afrika und in anderen armen Ländern für alle Menschen – auch in Europa –  langfristig lohnen.

Man darf und muss auf Win-win-Effekte zum Wohle aller hoffen.

Flüchtlingsdramen ohne Ende darf niemand wollen und langfristig hinnehmen. Es wäre eine ewige, internationale Menschenverachtung, die unverantwortliche Verschwendung von Geld und Ressourcen beinhaltet. Dies führt zum größten Armutszeugnis der Weltgeschichte.

Es gibt viele Möglichkeiten, vieles zu tun. Packen wir’s an.

Dr. Edmund Geisen, Daun

Unsere Politiker begegnen dem Klimawandel wie das Kaninchen der Schlange: Oh, hoffentlich frisst sie mich nicht! Aber sie wird uns fressen! Die Klimaerwärmung wird viele von uns Erdbewohnern nicht nur fressen, sie wird uns ertränken, verdursten und verhungern lassen. Das Klima und die Erde kennen keine Moral. So wie unsere Regierung. Sie redet viel und tut so gut wie nichts. Nicht einmal simple, rasch wirksame Maßnahmen wie ein Tempolimit, eine angemessene Flugbenzinbesteuerung oder ein rascher Kohleausstieg werden umgesetzt.

Was können wir als Bürger tun? Sie verhöhnen! Es bleibt uns nichts anderes übrig, als sie zu verhöhnen! Und das nicht nur an Karneval. Jeden Tag! Bis sie sich eines Besseren besinnen und sich ihres Amtseides erinnern.

Auch im Kleinen, vor Ort, in der Kommune, wird blindwütig versagt.  Die Stadt Trier zum Beispiel lässt ortsbildprägende, klimawirksame, vitale alte Bäume gnadenlos fällen. Eine Stadtregierung aus Motorsägen. Was tut die Obrigkeit danach? Sie vergießt vergiftete Krokodilstränen! Lächerlich. Wir stehen vor einem gewaltigen Baumsterben ob des Klimawandels. Nicht nur in den Wäldern. Auch unsere Stadtbäume stehen unter Dauerstress, immer neue Krankheiten setzen ihnen zu. Pilze, Viren und Bakterien haben ein leichtes Spiel.

Gibt es Anlass zu Hoffnung? Die Friday-Bewegung der Schüler? Ein stumpfes Schwert. Machtlos. Was wir bräuchten, ist ein Karl Marx der Umweltbewegung, eine Französische Revolution der Klimaschützer. Ein bisschen Härte wird nicht schaden, es wird so oder so für sehr viele brutal enden.

Karl-Josef Prüm, Trier

Zum Leserbrief „Nicht nur Sonntagsreden halten!“ von Rudolf Ebert (TV vom 27. März):

Der Hoffnung kann ich mich nur anschließen: Dass die Schüler, die für den Klimaschutz protestieren, diesen auch zu Hause leben. Wenn sie es nicht tun, dann setzen sie allerdings nur fort, was die zwei, drei vor ihnen existierenden Generationen vorleben.

Der Verfasser gehört zur Generation meiner Eltern (80+) oder zu meiner (62 Jahre alt)? Allemal sind es Generationen, die sich in einem überschaubaren Zeitraum von dieser verbrennenden Erde davonmachen. Sollte er der Generation von zum Beispiel Christian Lindner (40) angehören, hat er dank hoher Lebenserwartung ausreichend Gelegenheit, den Schlamassel zu erfahren, den seine und die beiden Generationen vor ihm durchaus mitzuverantworten haben.

Seit Jahrzehnten, und damit in unserer Lebenszeit, wird ein deutlich steigender Kohlendioxid-Gehalt in der Atmosphäre gemessen. Menschengemacht! Weil wir immer mehr, immer weiter, immer höher, immer schneller und alles haben wollen, immer noch gieriger, rücksichts- und respektloser sind. Seit langem schon wird von der Wissenschaft (die anderen „Profis“ sind nur vermeintlich und entlarven sich selbst als Schwatzköpfe) vor den Konsequenzen des Klimawandels gewarnt. Und diese Konsequenzen werden enorm sein, denn die Naturgesetze sind autoritär, unerbittlich und nicht verhandelbar. Und die Zeit läuft uns davon. Da ist der „Markt“ viel zu langsam!

Und da ist es nicht mehr als recht und billig, dass die jungen Menschen um ihre Zukunft bangen, die von ihren Vorfahren verbaut wurde und wird. Meine Kinder (21) haben bislang nur erst wenig Anteil an dem heraufziehenden Unglück, meine noch nicht geborenen Enkel keinen! Aber sie werden es erleiden müssen.

Und da kommt dieser Leserbrief mit nichts sonst als einem spöttelnden und belehrenden Ton. Da ist nichts an Reflexion über eigenes Tun und Verantworten gestern und heute darin (doch ja: kein Nutellabrot).

Die protestierenden Schüler haben mehr verstanden als mancher von uns! Und wann sollen sie denn sonst protestieren, wenn nicht zur Schulzeit? Die Gewerkschaften streiken doch auch nicht am Sonntag.

Wer selbst Mitverantwortlicher ist, aber die Zukunftsangst der jungen Menschen nicht teilen kann oder will, der möge doch wenigstens Demut zeigen.

Dr. Ernst Cleven, Meisburg/Vulkaneifel