Forum: Die Sklaven des Internets

Forum : Die Sklaven des Internets

Sie hüpfen von WhatsApp zu Facebook zu YouTube zu Instagram, sie streamen und glotzen, sie talken und chatten, sie teenen und gefühlen – macht das Internet doof?

Rumms. Der junge Mensch stolpert mit Kawumm gegen einen Laternenpfahl. Sein Smartphone, auf das er so konzentriert gestarrt, auf das er so vehement eingeredet hat, fällt ihm aus der Hand. Aua. Beule am Kopf, Display zersplittert. Was ihn wohl mehr schmerzt?

Ich habe die Szene neulich in Trier beobachtet und denke unwillkürlich daran, während ich eine aktuelle Digitalstudie durchsehe (von der Postbank beauftragt, repräsentativ). Jugendliche in Deutschland sind im Schnitt 58 Stunden pro Woche im Internet unterwegs, an einem typischen Tag 9,7 Stunden – abzüglich Schul- und Schlafenszeit praktisch pausenlos. Das überrascht mich nicht, und das ist nicht das Ende der Geschichte.

In einer sehr nahen Zukunft, nächsten Dienstag, wer weiß, spielt „Super Sad True Love Story“, ein Roman des Kultautors Gary Shteyngart aus dem Jahr 2010. Der Amerikaner beschreibt die analphabetische Epoche. Eine dekadente Welt. Bevölkert von Gestalten, halb Mensch, halb Handy, die ständig an ihren „Äppäräten“ (ich liebe dieses Wort!) herumfummeln. Sie streamen und glotzen, sie talken und chatten, sie teenen und gefühlen, wie Shteyngart das nennt. Verhaltensauffällige Internet-Sklaven, die ohne Suchmaschine nicht mehr wissen, wer sie sind. Die nicht mehr lesen, nicht mehr nachdenken. Weil, Zitat:

„Ich habe nie so richtig gelernt, Texte zu lesen“, sagte sie. „Bloß, sie auf Infos hin zu scannen.“ – „Lesen ist schwierig. Es wird heute von keinem Menschen mehr erwartet, dass er liest. Wir leben im nachschriftlichen Zeitalter. Im visuellen Zeitalter.“

Was ist dran an solchen Szenarien? Macht das Internet doof? Steht der Untergang des Abendlands bevor, weil (angeblich) die Kulturtechnik des Lesens bedroht ist? Weil die Menschen kreuz und quer, vor und zurück von WhatsApp zu Facebook zu YouTube zu Instagram hüpfen, sich Bilder und Videos reinziehen, sich von Web-Seite zu Web-Seite hangeln, klick, klick, klick, ohne Tiefe und Vertiefung? Es fehle, sagen Verteidiger des gedruckten Worts wie der Harvard-Historiker Robert Darnton, der Reiz, das Lesen als Abenteuer zu begreifen, bei dem man seiner Nase folgt, Spuren aufnimmt und über die Seiten in einem Buch hinweg im Auge behält. Das Reflektieren! Das Genießen!

Nichts ist so beständig wie der Wandel, das gilt auch für die Geschichte der Kommunikation: Von der Papyrusrolle zur Druckerpresse, vom Fernsehen zum Internet – wenn sich etwas verändert, barmen die Leute, das Neue (unheimlich, gefährlich) werde das Alte (geliebt, vertraut) verdrängen.

Das Internet also abklemmen, weil es ... doof macht? Nein, intelligent nutzen, liebe Leute! Dazu bedarf es Grundfertigkeiten wie Lesen und Verstehen, so altmodisch das klingen mag. Wer nicht liest, versäumt vieles, vor allem die Erweiterung des eigenen Horizonts. Mit Lesen allein ist es aber nicht getan. Es geht um das Verstehen, es geht darum, Informationen zu analysieren, zu bewerten und zu verarbeiten – damit niemand, im übertragenen Sinn, unbedarft gegen den nächsten Laternenpfahl läuft ...

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

E-Mail: forum@volksfreund.de

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