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Die Sprache gehört dem Volk

Die Sprache gehört dem Volk

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Klauspeter Bungert aus Trier weist auf einige Rechtschreib-Probleme hin: Die neue Schreibung scheint bei den Korrektoren im TV immer noch zu Verwechslungen zu führen. Besonders aus der Groß- und Klein-, Zusammen- und Getrenntschreibung entstehen zuweilen Kombinationen, die unter sprachlogischen und grammatikalischen Gesichtspunkten fehlerhaft erscheinen.

So setzen Wortpaare wie "Haus gemacht", "Gott gewollt", die als Zusammenziehung Eingang ins Sprachbewusstsein gefunden haben, getrennt geschrieben den im Deutschen nicht vorgesehenen lateinischen Kasus des Ablativus absolutus voraus. (Richtig wäre: "von zu Hause gemacht", "von Gott gewollt".) Fälschlicherweise groß geschrieben finde ich häufig Adjektive nach der Präposition "am". Etwa in der Ausgabe vom 5. / 6. September, Seite 23, linke Spalte, dritter Absatz, zweite Zeile: "am Schamlosesten". Immer wieder anzuführen wäre "am Besten". Die Großschreibung suggeriert eine Personifizierung: (gehen oder schauen) an einem Menschen entlang, der schamlos ist, (sich messen oder verzweifeln) an einem Menschen, der großartig ist. Bei der Komparation (Steigerung) von Adjektiven (Eigenschaftswörtern) bleibt die Kleinschreibung erhalten: schamlos - schamloser - am schamlosesten.

Lieber Herr Bungert,

vielen Dank für Ihre sachdienlichen Hinweise. Wohl wahr: Das Elend mürbt, die Häufung von Rechtschreib-Fehlern und grammatikalischen Irrtümern in Druck-Erzeugnissen aller Art ist Besorgnis erregend, ähh, besorgniserregend. Schluderei? Mangelnde Kenntnisse? Wenig Sprachgefühl? Mag sein. Eines ist gewiss: Nicht unerheblich zur Fehlerquote trägt die von Amts wegen verordnete allgemeine Verunsicherung bei - getarnt als Rechtschreib-Reform. Und ein Musterbeispiel ist die ewige Frage: getrennt oder zusammen?

Ob wir jemals fertig werden mit der Diskussion? Offiziell gilt die Reform ja als fertiggestellt. Das immerhin haben die Sprachwächter in jahrelanger Bosselei fertigbekommen. Alles sollte einfacher, konsequenter, logischer werden. Nach dem vermeintlich großen Wurf, mit gewaltigem Tamtam im Jahr 1996 vorgestellt, hagelte es Kritik an der Orthografie-Orgie, die sich als irreführend oder, wie einige glaubten, als Irre führend entpuppte. Es folgte die Reform der Reform der Reform - 2004 und 2006 nahm der "Rat für Deutsche Rechtschreibung" manch lächerliche Änderung von 1996 zurück, packte dafür einige Verschlimmbesserungen hinzu. Mit dem Resultat, dass viele Deutsche nun gar nicht mehr wissen (und es auch gar nicht wissen wollen!), was richtig ist und was falsch, und fertiggemacht werden, nur weil sie es nicht fertigbringen, das fertig gemachte Machwerk korrekt anzuwenden. Die Rechtschreibung sei endgültig unbeherrschbar geworden, meinen Reform-Kritiker. Will sagen: (Fast) niemand kennt sich mehr aus. Nicht Lehrer, nicht Schüler, nicht Journalisten, nicht Lektoren. Die meisten Bürger haben die angeblich Bahn brechende (was ein Unfug!), Grund legende (Quatsch!) Reform ohnehin nie gutgeheißen. Sie schreiben, wie sie es gelernt haben: vor der Reform, nach der Reform. Sich das Neue einzubleuen, hmm, einzubläuen, ist schweißtreibend, meinetwegen auch Schweiß treibend, dann wieder umzukehren, aber nur ein bisschen - fast unmöglich. Erst hüh, dann hott.

Fehler bewusst machen, also absichtlich? Nein, das will niemand. Aber man muss sich bewusstmachen: Für viele Menschen hierzulande (hier zu Lande, igitt) ist die Rechtschreibung ein Greuel, ähh, Gräuel. Zumal wenn dank aufwendiger, mitunter aufwändiger reformerischer Großtaten der Sinn der Wörter, die Bedeutung verloren geht. Sitzenbleiben (in der Schule) oder sitzen bleiben (auf dem Stuhl)? Ein Unterschied, der glücklicherweise seit drei Jahren wieder benannt werden darf!

Der Hickhack wirkt auf manche Furcht einflößend, womöglich auch furchteinflößend. Rat suchend, meist aber ratsuchend wenden sich die Verunsicherten an Sprach-Gurus. Die Regeln müssen genaugenommen werden, sicher. Aber genau genommen gilt in der Praxis: Ob es Staub saugen heißt oder staubsaugen, ob es Bier kalt stellen heißt oder kaltstellen, ist den meisten völlig schnuppe.

Im "Duden" steht zum Thema "Getrennt- und Zusammenschreibung": Es kann Fälle geben, die mithilfe der Regelungen nicht eindeutig zu klären sind. Den Schreibenden stehen "gewisse Freiräume für eigene Entscheidungen offen". Aha.

"Die Sprache gehört dem Volk", hat der Bundestag im März 1998 beschlossen. Kein Gesetz schreibt den Bürgern vor, wie sie zu schreiben und zu sprechen haben. Erlaubt ist, was gefällt - eigentlich. Damit kein babylonisches Sprachgewirr ausbricht, haben Bund und Länder Vorschriften erlassen, in denen die Rechtschreib-Regeln für Verwaltungen und Schulen verankert sind. Doch was die lieben Kleinen morgens pauken, verdrängen sie nachmittags oft wieder - beim Simsen, Mailen, Chatten, Bloggen, Gruscheln, Twittern. Das Internet? Eine rechtschreibfreie Zone!

P.S.: Wir Volksfreunde orientieren uns an der reformierten Schreibung, bei Variantenwörtern sagt unsere Haus-Orthografie: "klassisch". Eine Dokumentation finden Sie auf www.die-nachrichtenagenturen.de im Netz. - Schönes Wochenende!

Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur

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