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Die Wüste der Erkenntnis

Die Wüste der Erkenntnis

Wir laden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zum Dialog ein. Sagen Sie uns Ihre Meinung! Das Motto: Leser fragen - die Chefredaktion antwortet.

Helmut Dhein aus Wittlich meint zur Meldung "Bauarbeiter zu laut: Kölner wirft Eisenstange" (TV vom 19./20. September): Die Welt wird immer schlechter. Jeden Tag meldet uns der TV: Einbruch, Diebstahl, Mord und Totschlag. Vor allem die Opfer werden immer unverschämter, nicht die Mörder, nein die Opfer!

Da hat doch ein Bauarbeiter nachts, man denke: nachts! einen solchen Lärm gemacht. Und lässt sich noch nicht einmal totschlagen! Jemand hat eine Eisenstange nach dem unverschämten Bauarbeiter geworfen, und was geschieht? "Die Eisenstange durchschlug die Motorabdeckung eines Baggers, in dem ein Arbeiter saß. Der Mann wurde wegen versuchten Totschlags verhaftet." Recht so! Lässt er sich totschlagen? Nein! Wahrscheinlich hat er sich gebückt oder ist sonstwie dem Schlag ausgewichen.

Ja so was! Wo kommen wir denn da hin, wenn sich die Leute nicht totschlagen lassen wollen? Man denke nur an die Rentnerschwemme!

Lieber Herr Dhein,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Sie haben da einen logischen Strauchler entdeckt, eine unfreiwillig komische Formulierung. "Arbeiter" und "Mann", Opfer und Täter sind laut TV identisch - zumindest spiegelt das die falsche Wortstellung vor. Ein Lapsus des Redakteurs, eine mies redigierte Agentur-Meldung.

Derlei Stilblüten wuchern zuhauf im Dschungel der Sprache. Irrrungen und Wirrungen. Geschrieben, gesprochen, gedacht. Vertippt, verhackt, verhunzt. Eigentlich höchst ärgerlich, oft aber zum Brüllen witzig.

Manch einer sammelt die geistigen Kurzschlüsse und ergötzt sich daran. Die in Büchern zusammengetragenen Stilblüten füllen einige Regalmeter. Geradezu legendär ist die Rubrik "Hohlspiegel" im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Allerdings gilt auch hier: Wer im Glashaus sitzt, sollte kein Öl ins Feuer gießen, oder so ähnlich.

Dazu eine kleine Anekdote. Am 13. November 2006 stand im "Hohlspiegel" folgendes: "Aus dem ‚Tierischen Volksfreund': ‚Sehr lange hielten sich der Verteidiger des Angeklagten, der Trierer Anwalt Hartmut Diesel, sowie Richter Herbert Schmitz an der Frage auf, ob der Verletzte nach dem vermeintlichen Schlag seine Brille noch trug (was keiner der Zeugen bestätigen konnte) und was dem Nebenkläger ohne sein Glasauge noch an Sehkraft verblieb.'"

Völlig klar, eine dämliche Formulierung. Noch dämlicher aber war das, was die "Spiegel"-Redakteure daraus machten, indem sie den guten alten Volksfreund umtauften: vom "Trierischen" in einen sinnlos-satirisch "Tierischen".

Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung. Prompt stürzten sich Medien-Journalisten anderer Blätter auf den Fauxpas. In der "Süddeutschen Zeitung" hieß es am 14. November 2006: "Im juxarmen Hamburg hat sich ausgerechnet der Spiegel zum Karneval-Saisonstart als heißer Anwärter für den ‚Orden wider den tierischen Ernst' empfohlen. Das Nachrichtenmagazin, das gerne über die Fehler anderer frotzelt, zitierte in seiner beliebten Rubrik ‚Hohlspiegel' doch tatsächlich aus einem gewissen Tierischen Volksfreund: Es ging um einen Gerichtsstreit […] Dumm nur, dass die Geschichte in der Nähe von Trier spielte, und dort der Trierische Volksfreund erscheint. Ein fehlendes ‚r', laut Spiegel ein ‚Tippfehler', macht den journalistischen Missgriff erst richtig reif für den ‚Hohlspiegel'."

Die "Süddeutsche" hat mich seinerzeit befragt und so zitiert: "Da müsse man drüberstehen, heißt es […] aus der Chefredaktion der Trierer Lokalzeitung - Fehler kämen, wie besagtes Beispiel ja gleich zweimal zeige, in den besten Familien vor."

Etwas weniger diplomatisch formulierte es der Schriftsteller Karl Kraus 1912 in der Zeitschrift "Die Fackel": "Stilblüten sammeln sollte nur, wer ein Liebhaber ist. Sie auszujäten zeugt von einem schlechten Geschmack, von einem, der da wünscht, dass in der Zeitung nur korrekte Phrasen wachsen. Stilblüten sind die glücklichen Ausnahmen, denen wir in der Wüste der Erkenntnis begegnen. Und ist es nicht von einer ergreifenden Symbolik, wenn einer Zeitung der Satz gelingt: ‚Sterbend wurde sie ins Spital gebracht, wo sie einem toten Kinde das Leben gab.' Geschieht das nicht unser aller gemeinsamen Liebsten, der Kultur? Sterbend wurde sie in die Redaktion gebracht und gebar die Phrase. Ach, wer doch dem toten Kind das Leben gäbe! Er würde die Mutter retten."

P.S.: Wie jede andere Zeitung, die etwas auf sich hält, taucht der Volksfreund alle Jahre wieder einmal im "Hohlspiegel" auf. Eine besonders hübsche Stilblüte aus dem TV findet sich am 12. Oktober 1992 im Hamburger Nachrichtenmagazin: "Sie sind die berühmtesten Vierbeiner der Welt: Alice und Ellen Kessler stehen seit 45 Jahren auf der Bühne." Immerhin, der Name der Zeitung ist korrekt geschrieben worden - ganz ohne "t(r)ierischen" Ernst.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur

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